Kennst Du. Kannst Du.

Kennst du mich gut genug? Kannst du mich ernstnehmen?

Kennst du …

mich. Mit meinen neunzehn Jahren ein Junge wie jeder andere. Und doch nicht. Ein blonder Brillenträger mit Kurzhaarschnitt. Ein Typ, den man zumindest in der Kleidung in keinen Typ einordnen kann. Er trägt, was ihm gefällt. Ein Typ, der Chaos in seinem Leben stets beseitigen möchte. Und trotzdem in den Chaos zurückfällt. Den Menschen, der so sehr nach Liebe strebt, das er dem Leben zu wenig Wichtigkeit einräumt. Der lieber alleine ist, als sich zu sonnen. Kennst du den Typen, der schreibt und schreibt und schreibt. Und liest. Hört. Und sieht. Der Junge, der mit 17 1/2 mit dem Führerschein begann und jetzt, mit 19 Jahren endlich fertig wird. Der kurz vor der Matura steht. Seine erste Liebe hinter sich gebracht hat. Seinen Gefühlen nicht trauen kann. Dem viel zu oft Tränen auskommen. Bei erschütternden Texten, bewegender Musik oder traurigen Filmszenen. Der sich so sehr jemand zweiten in sein Bett wünscht. Der sich innerhalb der letzten 5 Jahre vom Frühaufsteher zum heftigsten Morgenmuffel entiwckelt hat. Der seine Fehler immer bei den anderen sucht. Der viel zu große Träume hat. Aber viel dafür tut, um sie sich zu erfüllen. Der Pläne für die nächsten 5 Jahre hat, und immer wieder zwei Schritte zurückgeworfen wird, wenn sich der Plan ändert. Der Typ, der täglich Tagebuch schreibt. Dessen Leidenschaft das Bloggen ist. Der Junge, der bis vor kurzem Computerspiele-Magazine gesammelt hat, über 300 sinnlose Magazin-CD-ROMs sein Eigen nennen durfte. Aber all das ist aus seinem Leben verschwunden. Der Mensch, der stets versucht, Veränderungen zu erzwingen, um dann zu erkennen, dass Veränderungen unter Zwang nicht funktionieren. Die Person, die in seinem kühlen Zimmer setzt, um der heißen Sommersonne zu entkommen. Der sich nicht traut, Menschen mit seinen Vorwürfen zu konfrontieren. Der noch nie gut in Mathematik war. Der ca. 200 Songtexte auswenig kann. Zu jedem bekannten Film den Regisseur und zwei Schauspieler nennen kann. Und dann dazu mindestens einen weiteren Film, wo sie mitgespielt haben. Der sich an keinem Musikgenre orientiert. Der 6 Hawaiihemden, 8 Polo-Shirts und 12 normale Shirts in seinem Schrank hat. Alles No-Name. Der immer noch auf den AXE-Effect wartet. Dem Coke Zero nicht schmeckt. Der Mc Donalds immer nur einen McChicken isst. Der eine Schwester hat. Und eigentlich auch einen Bruder. Der sich oft viel zu schnell verliebt. Der sich oft viel zu langsam entliebt. Der Typ, der gegen die Scheinheiligkeit in seiner Familie ankämpfen möchte. Der immer anders sein möchte, als die anderen. Und bis jetzt doch nur eine Kopie war. Der sich auf das Ende der Schulzeit freut. Und der sich auf das Neue danach freut. Kennst du mich. Mich. Dominik Leitner, 19 Jahre alt.

Kannst du …

mich. Akzeptieren, als der Typ, der ich bin. Dass ich momentan nur für die ganz wenigen Momente lebe, in denen ich wirklich lebe. Dass meine Anwesenheit manchmal anstrengend ist. Dass ich die Nähe zu Menschen benötige. Dass ich immer Angst habe, etwas falsches zu machen, und dadurch jemanden verliere. Dass ich, wenn ich mich wohl fühle bei einem Menschen eines am meisten genieße: die Stille. Das Schweigen. Dass ich schnarche. Dass ich meine Gefühle vor allem schreiben kann. Darüber zu sprechen fällt mir schwer. Kannst du akzeptieren, dass ich manchmal viel zu viel Persönliches hier offenbare. Dass ich geraucht habe, und manchmal auch noch zurückfalle. Aber nur wenn ich nicht betrunken bin. Dass ich kaum Alkohol trinke und keine Drogen konsumiere. Dass ich Angst habe. Vor fehlender Nähe. Vor dem Verlieren. Dass ich vielem nachtrauere. Wenn etwas unwiderbringlich weg ist. Dass ich einige komische Spleens habe. Dass ich immer ein Buch dabei habe. Dass ich Filme zitiere und die Musik in meinem Leben alltäglich ist. Dass ich einem Menschen immer zuerst in die Augen sehen muss, um ihn wirklich kennenlernen zu können. Dass ich schüchtern bin. Dass ich öfter mal im Mittelpunt stehe. Dass ich mich viel zu oft in jemanden verliere. Dass ich den Halt verliere, und tief falle. Dass ich manchmal große Tiefs habe. Dass ich, trotz dem Drang des Im-Mittelpunkt-Stehens, aufgeregt bin, wenn ich vor einer fast unbekannten Menschenmasse sprechen muss. Dass ich dich brauche. Dass Freunde für mich ein Elixir sind. Ein Fixpunkt. Ein Haltegriff. Dass ich manchmal einfach nicht da bin. Dass ich meine Prioritäten verliere. Dass ich einer der vielen Fische der Masse bin, die gegen den Strom schwimmt. Dass ich manchmal auch einfach nur keine Lust habe. Dass ich seit kurzem egoistisch bin und (um der Verbesserung Willen) nur an mich denke. Dass ich manchmal einfach die ganze Menschheit nicht sehen möchte. Dass ich seit kurzem den Begriff Liebe viel seltener gebrauche und ihn immer weiter differenziere. Dass ich das Wort Hass seit kurzem immer häufiger gebrauche und alles in einen Topf werfe. Dass ich manchmal einfach nicht schlafen kann. Dass ich oft einen Hass gegen mich selbst entwickle. Dass ich Geschichten schreibe, über mich, mit den Gedanken an Suizid. Dass ich aber Selbstmord noch nie wirklich in Betracht gezogen habe. Dass ich Angst habe. Angst vor dir. Angst vor mir. Dass ich viel zu oft schlafe. Dass ich Angst habe vor der Nacht, vor der Dunkelheit, vor abgeschlossenen Räumen, vor ungesichtern Plätzen in der Höhe, vor dem Verlassen werden, vor Streit, vor Tod. Dass ich nachts, in einem Wald, unter zwanzig anderen Personen in der Dunkelheit zu zittern beginne, ich Schweißausbrüche bekomme und fast zusammenbreche. Dass ich manchmal auch unter Leuten einsam bin. Gemeinsam einsam nenne ich das. Dass mich der Vollmond oft stundenlang noch wachhält, obwohl ich eigentlich schon schlafen sollte. Kannst du mich akzeptieren. Mich. Dominik Leitner, 19 Jahre.

Ja? Ich gratuliere. Dann bist du schon weiter als ich. 

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