
„Und du glaubst mir nicht, nicht wahr?“
Aus Emilys Gesicht war die Unbesorgtheit schlagartig verschwunden. Nein, ich glaube ihr nicht. Ich bin wütend, in mir brodelt es. Wie konnte sie mir das alles nur antun? Mir so viel zu verschweigen? Mich so nebensächlich abzuhandeln.
„Nein. Natürlich nicht.“
Stille kehrt ein. In diesem Zugabteil, welches trotz einer Unmenge an anderen Menschen gerade so ungewohnt leer wirkt. So als würden nur sie und ich hier sitzen. Emily und Noah am Ende eines Traumspazierganges. Am Ende des Lebens ohne Probleme. Auch, wenn all das nur in der Retrospektive so einfach aussieht. Wir hatten von Beginn unserer außergewöhnlichen Bekanntschaft Probleme, die wir aber bisher einfacher zu verstecken wussten. Zu ignorieren. Und jetzt sind wir hier, mit all dem Schutt und der Asche und den Tränen.
„Ich …“
Eine Entschuldigung?
„Ich … ich kann nicht mehr.“
Das sind auch mal unerwartete Worte.
„Wochen-, nein, monatelang haben wir uns immer hier getroffen. Haben uns durch Zufall kennengelernt, haben unsere Gefühle ausgeschüttet, als wir noch nicht mal unsere Namen kannten. Haben begonnen, aus Bekanntschaft einen Freund und in ebenso schnellem Tempo Liebe zu machen. Wir haben nicht daran gedacht, dass es auch außerhalb ein Leben gibt.
Ja, ich habe dir viele Dinge nicht erzählt. Ich habe sie nicht für interessant befunden, habe nicht gedacht, dass sie dich auch nur in irgendeiner Art und Weise interessieren. Ich habe mich stets auf dich eingelassen, diese eine Stunde. Habe sehnlichst darauf gewartet, dass der Zug einfährt und ich dich an diesem angestammten Platz finde.
Und in dieser so ungewöhnlichen …“
Ja, da hat sie Recht. Unsere Beziehung war darauf aufgebaut. Auf dieser Ungewöhnlichkeit, die für uns vielleicht erst diesen Reiz ausmachte.
„… so ungewöhnlichen Beziehung passiert eben mal auch irgendein verdammter Fehler. Wir sind beide nicht perfekt, genau das hast du selbst ja schon einmal gesagt. Und dann küss‘ ich eben mal diesen Typen.“
Eben mal. Was ist das nur schon wieder für ein Ausdruck.
„Und du selbst hast gesagt, dass du mich nicht einengen willst. Und genau du hast gesagt, dass du nichts von der Ewigkeit hältst.“
Ich bin sprachlos. Natürlich möchte ich niemanden einengen und hasse die Ewigkeit. Aber ist das Grund genug jemand anderen zu küssen? Oder reagiere ich hier einfach maßlos über? Aber auch Emily erkennt den falschen Weg den sie mit ihren Worten eingeschlagen hat.
„Es … es tut mir Leid.“
Ich bin wütend. Und um sie nicht weiter anstarren zu müssen, um nicht weiter ihren Worten lauschen zu müssen, lege ich meinen Kopf auf das Zugfenster, lasse die Welt da draußen vorbeiziehen, und versuche mich auf die Stille, auf das Vakuum in meinem Kopf zu konzentrieren. Es ist wohl an der Zeit, wieder etwas ruhiger zu werden.
„Die Fahrkarten, bitte.“
Der Schaffner, dieser werte Herr mit seinem wechselnden Aussehen und Auftreten, schafft in dieser, meiner Geschichte immer die schönsten und passendsten Auftritte. Ich drehe mich zu ihm um, lasse kurz meinen Blick mit Emilys treffen. Reiche ihm mein Ticket und möchte mich wieder gegen das Zugfenster fallen lassen. Aber ich kann nicht. Beginne zu lächeln und suche den Blick von Emily. Seit unserer ersten Begegnung schafft es dieses Ritual jedes Mal wieder, ein Lächeln auf unsere Lippen zu zaubern. Sie blickt auf, etwas bedrückt. Und für die kurzen Sekunden dieses Lächelns ist alles wieder perfekt.
Ich setze mich neben sie, greife ihre Hand und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Flüstere ganz leise „Sag nichts. Sag einfach gar nichts.“ – „Ich liebe ihn nicht.“, sagst sie und von mir kommt nur noch ein leises „Psscht.“ Ich will es nicht wissen.
Ein Auszug aus einem unbekannten Kapitel. Irgendwann in der Mitte des Buches. Übrigens ebenso auch am Projektblog veröffentlicht. Ein kleines Häppchen für meine vorfreudigen „Fans“. Ich hoffe, es gefällt. Ich stürze mich nun wieder ins Lernvergnügen.

Jaa, gefällt sehr!
Hui, sehr schön. Vielen lieben Dank!
Wann ist das Buch nun endlich zu Ende geschrieben? Ich persönlich hasse es,Bücher zu lesen.Ich bevorzuge da eher Filme,aber diese Ausschnitte aus deinem Buch sind wirklich,wirklich gut!
Das ist ja ein besonderes Lob. Vielen lieben Dank!
Da mich die Unfertigkeit des Buches selbst so nervt, möchte ich mich Anfang Juli eine Woche hinsetzen und schreiben, schreiben, schreiben was das Zeug hält. Dann sollte es endlich fertig sein. So ist zumindest der Plan.