Bad Day.

Alles begann mit diesem Menschen im Straßengraben.  Leiche würde man wohl dazu sagen. Und doch würde dieses Wort nie zeigen, wer er war. Ein Straßenverkehrstoter mehr für die Statistik. Einer weniger auf der Totenliste.

Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, einfach mal loszugehen. Normalerweise bin ich ja nicht der naturverbundene Typ. Früher kombinierte ich stets das Rauchen mit dem nötigen Frische-Luft-Schnappen. Doch an diesem einen kalten Abend, heute, packte ich mich warm ein. Die dickste Winterjacke, meinem Lieblingsschal, eine Mütze.

Als ich aus der Tür trete, spüre ich die Kälte. Der weiße, langsam aufsteigende Atem wird nachgezogen. Und ich folge dem scheinbar vorgetretenen Weg, setzte neue Spuren in den Schnee und spaziere ohne überhaupt ein Ziel zu wissen, in die Welt hinein. Irgendwann würde ich wohl schon an einen Zaun, eine Mauer kommen, und dann würde ich wissen, dass es Zeit dafür ist, umzukehren.

Vor mir liegen Spuren, die schon seit Tagen nicht mehr berührt worden sind. Zwei oder drei Zentimeter neuer Schnee liegen darauf. Als es plötzlich steil bergab geht, halte ich mich an den eisigen Ästen des in der Nähe liegenden Haselnussstrauches fest, langsam rutsche ich weiter ab, bis ich endlich wieder Halt habe. Irgendwo, in der Ferne, höre ich das Geräusch von Autos. Das hier würde man wohl wirklich Natur nennen. Es ist so schön ruhig. So … Ich wende. Gehe Richtung Straße. Wieder Spuren, denen ich folgen kann. Die Bremsgeräusche, das Knistern, wenn Reifen über eisigen Brocken auf der Straße brettern.

Plötzlich hören die Spuren vor mir auf. An einer Stelle scheint jemand abgerutscht zu sein. Nur der abnehmende Mond und die wenigen Straßenlaternen schenken der Nacht ihr Licht. Plötzlich stupse ich mit meinem Fuß gegen etwas Undefinierbares, scheinbar auch ein Eisbrocken. Doch nach genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass dies hier kein Eisbrocken ist. Kein gewöhnlicher. Das hier ist ein Mensch. Ein Mensch, der schon viel zu lange hier sitzt.

Auf einmal beginne ich zu schwitzen, fange zu zittern an und meine Knie werden weicher, als dass sie mich halten könnten. Ich sinke zusammen. Mit meinem Handy setze ich den Notruf ab, so wie man es eben gelernt hat. Doch sie brauchen nicht mit Blaulicht und Sirene kommen. Es ist schon längst zu spät. Wie lange mag er schon hier liegen. Wie lange schon. Sie würden gleich da sein, sagte mir die Frau am Telefon. Ich lege es in den Schnee. Sehe mir diese Person noch einmal an. Fühle, nur um die entgültige Sicherheit zu  haben, den Puls. Nichts. Kein Atem, der sichtbar aufsteicht, kein Herzschlag. Nichts mehr. Alles ist zu spät.

Was kann ich für diesen Menschen noch tun. Ich kenne ihn nicht, wurde nur durch Zufall in sein Schicksal involviert. Wer war er. Warum. Warum das Ganze? Und einfach, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine hier warten muss, nehme ich seine Hand. Zu lange schon lag er hier, einsam und verlassen. Zum Sterben verdonnert. Nun sollen wenigstens diese zehn Minuten die unseren Sein. Seine Hand ist eisig. Ich versuche sie zu wärmen, doch es hat keinen Sinn. Bis zum Eintreffen der Einsatzfahrzeuge, der Polizei und der Rettung, bleibe ich an seiner Seite. Habe mich ebenso wie er in den Schnee gelegt. In den Himmel geblickt. Irgendwann hat es dann auch einmal begonnen, riesige Flocken zu schneien. Kälter ist es geworden.

Als auch die Rettungskräfte seinen Tod festgestellt haben, werde ich noch von der Polizei vernommen. Erzähle ihnen alles. Sie glauben mir, scheint es. Als sie fragen, ob sie mich nach Hause bringen sollen, verneine ich. Ich weiß, dass sie anschließend darauf bestehen werden, wegen meines psychischen Schocks oder so. Und dann werde ich einsteigen. Den Kopf an das Auotfenster gelehnt, der Blick hinaus. Riesige Schneeflocken. Auf wie viele weitere Menschen in Straßengräben wird heute noch Schnee fallen. Die Dunkelheit verfolgt uns, und als ich vor meinem Haus aussteige, bedanke ich mich noch bei meinen Chauffeuren. Der Tag ist eigentlich schon längst zu Ende.

Es sind immer dieser Zufälle. Die einen so etwas erleben lassen. Die einen mögen es Gottes Fügung nennen, die anderen Schicksal, wieder andere Pech. Ich denke, es hat ihm gut getan. Diese zehn oder fünfzehn Minuten, als ich ihm die Hand gehalten habe. Nur um zu zeigen. Du bist nicht alleine. Niemand soll alleine sein. Und doch sind es viel zu viele. Immer diese Zufälle. Einer mehr oder weniger. Was solls.

Und als ich endlich mein Bett gefunden habe, und die Augen schließe, lassen mich die Gedanken nicht ruhen. Ich spüre immer noch die eisige Kälte seiner Hand. Einige Zeit vergeht, aber je mehr ich mir darüber Gedanken mache, desto wärmer wird plötzlich die Erinnerung daran. Bis ich mir sicher bin. Da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut. Und ich schließe die Augen.

Ein Gedanke zu „Bad Day.“

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