
»… und dann kam sie noch mal schnell zurück, weil sie ja ihr Buch vergessen hatte.«
– »Und?«
»Emily heißt sie. Aber irgendwie habe ich es nicht geschafft, ihr meinen Namen zu sagen. Oder nachzubrüllen, quer durch den Waggon. Oder was auch immer.«
Sarah lacht. Erwartungsgemäß. So etwas kann wohl auch nur mir passieren.
»Und glaubst du, dass du sie wiedersehen wirst?«
– »Ja. Also … ich meine: Natürlich würd‘ ich sie gerne wiedersehen.«
»Es muss sich eben einfach nur die Möglichkeit ergeben, nicht wahr?«
– »Mhm.«
Sarah ist eine hübsche junge Frau, hellbraune Haare, schöne Augen und bemerkenswert schöne Lippen. Und, was mir in der kurzen Zeit, in der ich sie nun kenne, schon aufgefallen ist: ihre Augen wirken traurig. Zwar erwartungs- und hoffnungsvoll, aber im aktuellen Sein furchtbar traurig.
Es ist immer noch kaum etwas los hier auf den Gängen des Studentenheims. Und hier, etwas abgeschotet vom ewigen Lärm der Straßen, bekommt man es beinahe mit der Stille zu tun. Ich weiß nicht, die wievielte Zigarette wir hier nun schon rauchen.
»Und, wann hast du deine erste Vorlesung, diese Woche?«, frage ich und überlege.
– »Ach, erst irgendwann morgen oder übermorgen.«
»Ich auch so ungefähr.«
– »Heute Abend Lust, mit ein paar Freunden und mir auf einen Kaffee zu gehen?«
Nein, ich hätte nichts Besseres tun. Und ja, ich würde es bereuen, wenn ich da heute nicht mitkommen würde. Überraschend spontan sage ich zu und irgendwann trennen sich für die kommenden Stunden unser Weg, die Telefonnummern ausgetauscht. Ich gehe zurück in mein Zimmer, zufrieden mit dem Leben, irgendwie.
Während all der Gedanken nun, die auf mich einströmen, taucht Emily wieder auf. Nach diesem bisher wunderbaren Tag, dem ersten Kennenlernen, den ersten halbmutigen Schritten hier in dieser neuen Umgebung, ist sie plötzlich wieder Bestandteil meiner Gedanken. Ich werde sie nicht finden, nicht auf Facebook, nicht auf Twitter, denn ich weiß ja nichts von ihr. Nichts, bis auf ihren Vornamen und die Gewissheit, eine sehr interessante Frau kennengelernt zu haben. Ich versuche mich zu erinnern, ihr Gesicht. Aber es schwindet. Wengistens habe ich mir den Namen gemerkt, selbst das ist schon etwas Besonderes.
Ich versuche zu lesen, telefoniere mit Freunden, die seit unserem Abschluss quer übers ganze Land verteilt ihre neuen Lebensmittelpunkte gefunden haben. Oder sie suchen sie immer noch. Es ist eben nicht immer so, dass der erste zaghafte Schritt der Richtige ist. So etwas darf man nicht erwarten. Überhaupt.
Erwartungen sind dafür geschaffen, um sich am Schluss in Schutt und Asche zu verwandeln. Und die schmerzhaftesten Minuten oder Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen sind die, wenn man zusehen muss, wie die Erwartungen ganz langsam in sich zusammenbrechen. Wenn Wunschträume ihr Ende im Realisieren der Utopie erleben. Und da hilft es auch nicht, die Augen ganz fest zuzukneifen und seine Gedanken weit abschweifen zu lassen. Dafür sind wir nicht geschaffen, wir Menschen. Aber vielleicht ist es genau deshalb so gut, wenn wir durch so etwas durch müssen.
Die Nacht legt sich schön langsam über die immerwache Stadt. »Brrrrr.« » Brrrr.« Sarah.
»Hallo?«
– »Hey! Immer noch Lust? … Perfekt. Wir treffen uns in 15 Minuten unten beim Eingang. Nicht zu spät kommen, klar?«
»Passt, perfekt!«
Etwas matt steh‘ ich von meinem Bett auf, krame mein liebstes Shirt und meine gemütlichste Hose raus, werfe mich in Schale (ein kurzer Blick in den Spiegel, das wars) und mache mich auf den Weg zu Sarah und ihren Freunden. Ich hasse so etwas normalerweise. Etwas Neues zu sein, in einer Gruppe Altbekanntem. Alle haben sich etwas zu erzählen und nur manchmal fragt jemand höflicherweise nach, was ich denn so studiere und wo ich aufgewachsen bin und solche Dinge. In solchen Momenten werde ich nur zu gerne mit Smalltalk beladen, und aus reiner Freundlichkeit gebe ich immer und immer wieder die ewig gleichen Antworten darauf.
»Hey!«
»Hey Noah! Komm, wir wollen schon losgehen.«
Wir sind zu fünft. Drei Frauen, zwei Männer.
»Ich bin Stefan!«
Der Größte der Gruppe spricht mich als Erster an, er sieht freundlich aus und scheint, so rein auf den ersten Eindruck reduziert, ein recht unkomplizierter Mensch zu sein. »Schön dich kennenzulernen, Noah!«
Die Freude ist ganz (rein freundlicherweise) meinerseits: »Gleichfalls! Und du wohnst auch hier im Studentenheim?«
Stefan nickt. »Ja, ich bin nun schon das zweite Jahr hier. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht.«
Ein Satz für alte Menschen. Aber aus Stefans Mund hört es sich richtig so an. Ich, am Anfang meines Studiums, kann mir wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, wie schnell zwei Semester vefliegen können.
»Und von wo kommt du?«
Uh, bald werden uns wohl die Gesprächsthemen ausgehen. Und wir sind noch nicht einmal in … (ja, wohin geht es eigentlich?) angekommen. Ich erkläre ihm meine Herkunft, was natürlich am Besten mit der nächstbesten Stadt und dem nächstgelegenen See funktioniert. Er nickt, er war da schon einmal. Campen. Und er erklärte mir, dass er nicht unweit von mir (was sind schon 30 Kilometer) aufgewachsen ist.
Flott wandern wir durch die beleuchteten Straßen der Wiener Innenstadt. Überall grell strahlende Auslagen, hie und da Leute, die an Cocktails schlürfend, sich unterhaltend, im Gastgarten sitzen. Es ist ein warmer September, müsst ihr wissen. Manchmal kommt man auch an Clubs vorbei, wo 16:9-Türsteher ihr Unwesen treiben und für Sicherheit sorgen. Und was mir immer noch faszinierend vorkommt: Es ist Montag Abend, und in jedem einzelnen der unzähligen Lokale sind Menschen. Das gastronomisch Positive an einer Großstadt: man braucht im Grunde genommen nicht viel bieten und hat trotzdem meist volles Haus.
»Hier sind wir!«, sagt Sarah, hält dabei die Tür auf. Nacheinander betreten wir dieses kleine, nette Café. Und jetzt, bei meinen ersten Schritten in diesem Lokal weiß ich noch gar nicht, dass das in Zukunft so etwas wie ein Stammlokal für Sarah und mich, durchschnittlich ein Päckchen Zigaretten, einer Überdosis Koffein und natürlich stundenlangen Gesprächen sein wrid. Aber der erste Duft ist selbst jetzt noch in meiner Nase aufzufinden. Kaffee mit Rauchgestank. Ich liebe es schon jetzt.
Ein Tisch mit fünf Sesseln (Lederüberzug!) und genügend Platz ist schnell gefunden, die junge Kellnerin bringt uns rasch die Speise- und Getränkekarten.
»Stefan kennst du ja bereits.«
Zustimmend nicke ich.
»Das ist Marlene. Und Kathrin.«
– »Hey!«
»Hey!« – »Hey!«
Der Beginn eines (überraschend) langen Abends.
