
„Was ist das hier eigentlich für dich?“
– „Hm? Was?“
„Das hier. Was ist das für dich?“
Ich war gerade irgendwo auf Gedankenausflug.
„Hm.“
Ein kurzer Moment des Nachdenkens wird mir hier wohl gestattet sein.
„Es ist schwer zu sagen. Es ist etwas … Besonderes.“
Emilys Blick zeigt mir an, dass sie sich hier eine ausführlichere Antwort wünscht.
„Es ist deshalb etwas Besonderes, weil irgendwie alles so vollkommen anders passiert ist, als ich es mir jemals vorstellen konnte. Dieser Zufall, als du zufällig mir gegenüber Platz genommen hast, und der Schaffner uns erst so richtig zusammenführte, die anfänglichen Gespräche, die schon damals über den normalen Smalltalk hinausgehen. Dann die Wiedersehen, egal ob sie nun zufällig oder von irgendjemanden von uns beiden gewollt waren. Immer wieder dein Lächeln und meine Freude darüber. Wir haben uns vom ersten Moment an total anders verhalten, als Menschen, die sich gerade das erste Mal sehen. Ich bin so etwas eigentlich nicht gewohnt.“
– „Hm.“
Sie kämpft sich gerade die Worte zusammen, versucht sie in der richtigen Reihenfolge rauszupressen.
„Und … und was empfindest du für mich?“
Es ist ja nicht so, dass wir darüber nicht schon Mal ansatzweise gesprochen haben. Aber wir haben uns nie darüber ausgesprochen. Und ließen immer dieses Mysteriöse zwischen uns.
„Bitte lache nicht. Aber ich habe mich ungefähr auf den dritten Blick in dich verliebt. Fand deine Art damals so … ja, besonders. Du stelltest den Gegenpol für meine Schüchternheit dar. Ich mochte deine Stimme, dein Lächeln, war richtig stolz, wenn ich einen guten Witz loslassen konnte. Dann sahen wir uns immer wieder, und immer wieder kribbelte es auch. Wir schütteten unsere Gefühle aus, erzählten aus unseren Leben. So oft hast du mich aufgefangen, als ich mich kopfmäßig ins Nichts stürzte, und so viele Male habe ich versucht, dich aufzufangen.
Bei dir verspürte ich eine ungeahnte Nähe. Eine zauberhafte Behutsamkeit, eine seltene Liebe. Und schon befand ich mich in dieser Zwickmühle … ja, ob es denn wirklich Liebe war, oder ob es nur eine wunderbare neue Art der Freundschaft ist. Eine Freundschaft, beschränkt auf eine Stunde pro Woche und einen Waggon in dieser riesigen Welt. Ich wollte nichts zerstören, deswegen habe ich auch nie versucht, dich zu küssen. Ich genoss einfach, wenn du auf meiner Schulter einschliefst, oder mir mit deinem wundervollen Enthusiasmus aus deinem Leben erzähltest. Und würde die Liebe überhaupt bestehen können, wenn wir unsere Beziehung, so wie sie jetzt ist, weiterführen würden? Ohne uns in der … Außenwelt zu treffen?
Denn damit hätten wir genau das verloren. Das, was es so unglaublich machte. So bewundernswert anders als all die anderen Beziehungen, die man eben so kennt. Wir wären nicht mehr das Paar aus dem Zug, das schon vom Schaffner mit einem Lächeln begrüßt wird. Wir wären genau wie all die Anderen. Wir würden die Beziehung der realen Welt zum Fraß vorwerfen, wir wären normal. Deswegen habe ich versucht, diese kribbelnde Liebe in etwas Anderes umzuwandeln. Und so liebe ich dich eben auf eine andere, neue Art.“
„Und.“ Wortsammlerei. „Und bitte frag‘ du mich. Frag‘ du mich, was ich für dich empfinde.“
– „Na dann. Was (an diesem Moment muss ich plötzlich etwas schlucken) … was empfindest du für mich?“
„Ich … ich könnte jetzt auch von ganz vorne anfangen. Aber nein. Du kennst mich. Mir kommt es doch immer aufs Hier und Jetzt an. Also … ich … ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. “
Habe ich das erwartet? Nein.
„Ich hab‘ mich in dich verliebt, als du mir damals diese Haarsträhne aus dem Gesicht wischtest, und damals, als ich dir die Träne von der Wange tupfte. Ich habe mich gerade eben in dich verliebt, als du mir zeigtest, dass du dir so viele Gedanken über uns gemacht hast. Und jetzt steh‘ ich hier. Und komme auf den selben Gedanken wie du. Verdammt. Ich will doch auch nichts zerstören.“
„Müssen wir es? Müssen wir denn etwas zerstören?“
Ja, so bin ich. Anfangs vom Schlimmsten ausgehen, um sich anschließend doch noch ein paar Lösungswege zu überlegen. Es wird hier doch wohl etwas geben, dass nicht alles kaputt macht.
Emily hat sich neben mich gesetzt. Legt ihren Kopf auf meine Schulter und aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich eine kullernde Träne.
„Ach, Emily. Komm. Wir sind etwas Besonderes, das weißt du doch. Warum sollten wir nicht auch so etwas schaffen?“
Kaum zu glauben, dass ein Liebesgeständnis so viele Probleme erzeugen kann. Ist vielleicht doch das ganze Setting unserer Geschichte für nichts und wieder nichts aufgebaut worden? Klammern wir uns hier nur krampfartig an etwas fest, was sowieso in Kürze zu verfallen droht?
Sie dreht den Kopf zu mir hoch, und ihre Lippen beginnen die meinen zu berühren. Das ist er, unser erster Kuss. Hoffentlich ist hier irgendein Gerichtssaalmaler, der diesen Moment in aller Skizziertheit für unsere Postkarte festhalten kann. Sanft streiche ich ihr mit einer Hand über den Hinterkopf.
Es wird schräg werden, anders als gewohnt, anders als wir es uns vorstellen. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und Emily scheinbar ja auch. Wir werden es versuchen.
Ein Zwischenstück. Zumindest passiert all das vor „Genauer betrachtet“ angesiedelt. Ein wichtiger Punkt der Geschichte. Hoffe, dass auch das hier gefällt. Ob es sich schließlich so genau im Buch wiederfinden wird, weiß ja sowieso niemand. Aber zurzeit liegt es ja sowieso nur daran, verschiedene Pfeiler zu erstellen, um irgendwann eine Brücke darauf zu bauen. Und hier der Eintrag am Projektblog.

Einer der tollsten Blogeinträge, die ich bis jetzt bei dir gelesen habe.. und das sind nicht wenige 😉
Ich finde dieser Teil muss auf jeden Fall in dein Buch. Ich freue mich schon mehr zu hören, denn deine Texte fesseln mich einfach
Ich verfolge dein Buchprojekt schon eine ganze Weile und bin mir bis heute nicht sicher, ob – wenn es denn jemals erscheinen sollte – ich es lesen wollte. Nach diesem Beitrag würde ich es aber sehr gern in Händen halten. Kann ich es hier und heute schon vorbestellen?
Grüße!
@partyqueen | Vielen lieben Dank! Das tut mir gut! 🙂
@Félix | Schön, einen neuen Fan gefunden zu haben. 🙂 Auch dir vielen lieben Dank! Darf ich fragen, was dich bisher zweifeln ließ? Würde mich interessieren.
Die Tatsache, dass ich von der anfangs aufgezeigten Handlung nicht überzeugt genug war. Dass die Verzögerungen im Schreibfortschritt das Interesse nachlassen ließen. Ich weiß es nicht. Seit deinen letzten beiden Beitragen diesbezüglich bin ich jedoch wieder neugierig geworden. Mehr als das sogar. Diese unwillkürlichen (Nachdenk-) Pausen nach gefühlt fast jedem Satz. Ich finde das gut. Richtig gut.
(Bekomm‘ ich eins?)