Is this.

Deine Augen. Ich müsste lügen, wenn sie mir noch nie aufgefallen wären. Sie leuchten, und das egal ob du voll Glück oder voll Trauer bist. Sie verändern sich nicht. Nur manchmal tauchen sie sich in ein Meer aus Tränen, und dann beginnen sie zu schimmern. Reflektieren die Strahlen der Sonne. Einzigartig sind sie. Deine Augen.

Wir haben uns lange nicht gesehen. Als sich die Vögel zu ihrem Flug erheben, erkenne ich, dass du dich nicht verändert hast. Nichts an dir ist anders. Nicht dein Lächeln, nicht dein Gesicht. Alles habe ich zuvor schon zu sehen bekommen, und all das habe ich damals so sehr lieben gelernt. Es ist gut, dass du dich nicht zu mir drehst, denn mein Blick bekommt den Ausdruck der Vergangenheit. Ich schließe die Augen, drehe mich weg von dir und wir blicken gemeinsam den Vögeln nach, die, abgehoben in ihren Lebensraum, sich scheinbar nicht entscheiden können, wohin sie fliegen sollen.

Und ich fühle mit ihnen. Erinnere mich an meine Hilflosigkeit, an die fehlende Orientierung. Wo soll mich mein Weg hinführen und wo befinde ich mich überhaupt. Und, verdammt noch mal, wer bin ich. Bei all diesem Leben, rund um mich herum, vergesse ich manchmal die Antwort auf diese Frage zu finden. Wer bin ich. Und selbst jetzt, nach all dem, was ich neu an mir kennen und lieben gelernt habe, kann ich keine eindeutige Antwort darauf finden.

Haben wir uns dafür getroffen? Für diese Stille. Ich hoffe. Denn zum Reden ist mir wahrlich nicht zumute. Es reicht mir, dich nur wieder einmal zu sehen. Du hast, trotz allem, dieses Häufchen Magie. Die Magie, mich in den Bann zu ziehen, mich dir auf unbeschreibliche Art näher zu fühlen, als den meisten anderen Menschen. Selbst wenn ich nur neben dir sitze und am Himmel nach Vögeln Ausschau halte.

‚Weißt du eigentlich, dass ich dich nicht mehr liebe?‘, möchte ich dich fragen. Und gleichzeitig formen meine Gedanken weitere Worte: ‚Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?‘ Doch ich schüttle den Kopf, und erinnere mich daran, dass es wohl am Besten ist, den Substantiv Liebe mit dem Verb brauchen zu kombinieren. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich brauche?“, verlassen die Gedanken meinen Mund und während ich das sage, wage ich es nicht, dir in die Augen zu blicken. Mein Kopf hebt sich in Richtung Himmel, und meine Augen halten sich an der einen Wolke fest. Und während ich auf eine Antwort von dir warte, füllen sich nun meine Augen mit Tränen. Weil ich mich erinnere, in wie vielen Momenten du für mich da warst und in wie vielen Momenten ich mir wünschte, dich an meiner Seite zu haben. Wie viele Nächte ich mir gewünscht hatte, stundenlang mit dir zu reden.

Du legst deine Arme um mich. Umarmst mich und schaffst es dadurch, meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Ich gebe mich der Umarmung hin, lege meine Arme auf deinen Rücken und beiße mir mit meinen Zähnen auf die Unterlippe. Ich wollte nicht, dass du mich so siehst, ich wollte nicht, dass du siehst, wie schwach ich bin. Ich wollte nicht, dass du weißt, wie sehr ich dich brauche und es wäre das Beste gewesen, wir hätten uns nie wieder gesehen.

Damals wollte ich dir zeigen, welcher Stern deinen Namen trägt. Wollte mit dir die steilsten Berge besteigen und die dunkelsten Wälder erkunden. Ich wollte mit dir die Welt erobern und wollte Geschichten mit deinem Namen schmücken. Wollte auf ewig mit deinem Namen verbunden sein und wollte jeden Morgen mit deinem Lächeln geweckt werden.

Ich möchte dich nicht mehr spüren, möchte nicht von dir umarmt werden. Obwohl gerade das mir so viel Kraft schenkt, und ich wahrscheinlich zum ersten Mal die Ehrlichkeit in deinen Bewegungen spüre. Oder ist das alles doch nur wieder gespielt. Fühlst du dich dazu gezwungen, dies zu tun. Ich werde dich nie verstehen und selbst dein geflüstertes „Es ist gut so.“ gibt mir nicht die erwünschte Beruhigung. Ich wische mir die Tränen von meinen Wangen.

Ist das die Welt, so wie wir sie geschaffen haben? Ist das nicht eben genau das, was ich mir immer so sehr wünschte? Was ist nur mit mir los und warum kann ich nicht ruhen, wenn ich erreicht habe, was am Gipfel meiner Vorstellungen ruhte. Oder aber, wollte ich überhaupt, dass all das so kommt. Das alles so eintritt, wie ich es mir vorgestellt, wie ich es mir gewünscht hatte. War ich vielleicht auf der Suche nach einer Überraschung. Wo bleibt deine Ablehnung, dein Wegstoßen, deine geendete Liebe. Wo ist er, der unmögliche Versuch, Freunde zu sein. Wo sind deine harten Worte, wo ist deine Ehrlichkeit.

Kann sich die Welt so schnell verändern, und an welchem Punkt stehe ich denn nun. Ich befreie mich aus deiner Umarmung, presse ein leises „Dankeschön“ heraus und konzentriere mich wieder auf den Himmel, der sich währenddessen mit einigen neuen Wolken gefüllt hat. Mit verschwommenen Blick versuche ich zu realisieren und komme doch keinen Zentimeter weiter.

„Es.“, ich glaube gerade nicht, dass ich das sage, „Es ist besser, ich gehe jetzt.“ Kein ‚Soll ich dich noch heim bringen‘ oder ‚Es tut mir Leid‘. Und mit unsicherem Schritt beginne ich meinen Heimweg anzutreten. Als ich in der Tiefgarage an meinem Auto angekommen bin, bemerke ich, dass ich diesen Weg hierher beinahe trancartig bestritten hatte. Mit der Fernbedienung schließe ich das Fahrzeug auf, setze mich hinein und Kettcar singt davon, dass man einfach gegangen ist, als würde man ewig noch kommen und gehen und sich sehen. Und unter der Last meiner Gedanken beginne ich nun, alleine in meinem Fahrzeug, erneut zu weinen. Schon lange nicht mehr ging es mir so. Besser gesagt, ein solches Verhalten bin ich überhaupt nicht von mir gewohnt.

Als ich aus der Tiefgarage ausfahre, erkenne ich erneut den Sonnenschein. Es hat sich nicht viel verändert, in dieser kurzen Zeit und doch scheint die Wlet und meine gesamte Weltanschauung zu zerbröckeln. Nichts ist, wie es war. Und ich. Fühle mich verloren.

Teil 1 der dreiteiligen Eintragsserie Is this the world we created.

Foto: Picture Perfect Pose (flickr)

3 Gedanken zu „Is this.“

  1. Oh, der Text ist schön… Da ich etwas Ähnliches soeben tatsächlich erlebt habe, schossen mir auch gleich die Tränen in die Augen… Verwirrung hat auch Sinn, das spüre ich und ich fühle, dass es gut ist, wie es ist. Und dass etwas Neues wieder Platz hat *lächel*
    Herz-lich Elisabeth

  2. @Elisabeth // Nur manchmal befindet man sich an einem Punkt, an dem Verwirrung sich mit Gefühlschaos vermischt, und man einfach nicht mehr weiter weiß. Sich selbst nicht mehr versteht. Aber schön, dass er dir gefallen hat.

    @André // Keine Ursache. 🙂

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