
Als ich das Fenster runterlasse und sie frage, wohin es denn gehen soll, lächelt sie herein, öffnet die Tür, nimmt den Platz neben mir ein und sagt:“Bis ans Ende der Welt.“
Ich kupple aus und gebe gleichzeitig Gas. Die Red House Painters erklären mir irgendetwas über ein Sommerkleid. Ich stell die Lautstärke zurück. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wohin ich jetzt gerade fahren soll. Ich habe ja Zeit und sicherlich genug Benzin.
„Wie heißt du?“
– „Emily“
Das gefällt mir. Wenigstens fragst du nicht nur aus reiner Höflichkeit zurück. Mein Name scheint dich nicht zu interessieren. Ich gebe Gas, schalte langsam aber beständig auf den vierten Gang hoch. Das Tacho zeigt irgendetwas Zweistelliges an. Das milde Abblendlicht sucht sich den Weg durch den Nebel. Dir scheint kalt zu sein. Ich mache die Heizung an.
„Denkst du nicht, dass es extrem gefährlich ist, nachts irgendjemanden von der Straße aufzusammeln?“
– „Du bist doch Emily. Und nicht irgendjemand.“
Ich lächle. Wunderbar gekontert. Doch du blickst verstört zuerst zu mir, und dann aus der Windschutzscheibe. Als würde ich mich nach etwas umsehen, blicke ich immer unscheinbar nach dir. Du hast wunderschöne dunkle Haar, beeindruckende Augen, sanfte Gesichtszüge. Plötzlich bemerke ich vor mir dieses rote Licht. Ich bremse ab und komme irgendwann hinter der wartenden Kolonne zu stehen.
„Nun sag schon, wohin soll ich dich bringen.“
– „Ich sag’s schon, wenn ich raus will.“
„Was hast du hier denn gemacht, wenn ich fragen darf.“
– „Mir die Landschaft angesehen.“
Ich blicke sie überrascht an. „Die Landschaft? Soweit ich mich erinnern kann, ist das wohl eine der trostlosesten Gegenden der Umgebung.“ – „Für dich vielleicht.“ Und zaghaft erklärt sie mir, wie schön es ist, den wandernden Mond zu beobachten. Zu sehen, wie die letzten Autos in ihre Garagen fahren und Hunde ein letztes Mal ausgeführt werden. Zu sehen, wie am Schrottplatz gegenüber sich Metallteile sammeln und zu riechen, wie diese tote Katze in der Wiese verrottet. Ich stelle es mir vor und kann schon ein kleines Bisschen verstehen, was du meinst.
„Lebst du hier?“
– „Was heißt schon ‚leben‘. Ich wohne hier, hier in der Umgebung. Ich lebe in meinen Gedanken, in meinem Kopf. Lebe, wenn ich auf Freunde treffe oder neue Bekanntschaften schließe.“
Dein Schal wickelt sich immer enger um deinen Hals. Ich bin fasziniert von deiner Person. Mit wenigen Worten scheinst du meine Gedanken wieder aktiviert zu haben. Und dein Lächeln. Dein Lächeln ist verzaubernd. Irgendwann fahre ich wieder der Kolonne hinterher, krieche auf einer dieser normalerweise um diese Uhrzeit wenig befahrene Straße. Einen Jux wollte ich mir machen, als ich plötzlich blinke und in eine kleine Seitenstraße einfahre. Du sagst nichts, sitzt ruhig neben mir, den Kopf an das Fenster gelehnt, scheinbar die Straßenlaternen zählend.
„Was denkst du? Was sind Sterne für dich?“
– „Sterne sind für mich Anhaltspunkte. Wenn die Einsamkeit mit mir Spielchen treibt blicke ich zum Nachthimmel. Und sehe meine Freunde, meine Familie. Sehe die Verstorbenen und alle die ich liebe. Sterne bedeuten mir sehr viel.“
Du nickst. Es scheint so, als wolltest du diese Antwort hören. Du setzt die Konversation fort.
„Sex?“
– „Aber ich kenn dich doch gar nicht.“
Du lachst. „Ähm, was bedeutet für dich mehr, Sex oder Liebe. Oder besser gesagt, kannst du dir Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe vorstellen?“
Peinlich berührt antworte ich ihr: „Nein. Liebe ist etwas so Wunderbares, etwas so Berührendes. Sex ist nur ein wundervoller Beigeschmack. Ich möchte Sex nicht aufs Abstellgleis schieben, aber es muss immer erst die Liebe gebe. Liebe und Vertrauen.“
Du richtest dich etwas auf, fährst dir mit der Hand ins Gesicht, um eine Strähne zu verscheuchen. Du stellst interessante Fragen, dafür, dass wir uns erst fünf oder zehn Minuten kennen. „Hier, bleib an diesem Parkplatz stehen.“ – „Aber wo willst du dann hin?“ Du antwortest mir nicht. Als das Auto zum Stillstand kommt, steigst du aus. Und stellst mir noch eine letzte Frage: „Bist du verliebt?“ Ich blicke bei meinem Fenster raus, und anschließend durch die Windschutzscheibe. Als ich mich wieder zu dir umdrehe, bist du schon aus meinem Auto ausgestiegen. Du hast nicht auf eine Antwort gewartet.
Und doch gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hätte dir sowieso keine eindeutige Antwort geben können. Ich weiß es nicht. Weiß nur, dass du ein wundervoller Mensch bist. Beeindruckend, wie offenherzig du bist. Gabst kaum Antworten und hast mir doch vieles gezeigt. Ich verlasse den Parkplatz, sehe mich noch um, ob ich dich irgendwo erblicken kann. Doch du bist schon über alle Berge. So scheint es zumindest. Und mit einem Blinken setze ich mein Auto wieder auf die Bundesstraße.
