
Man hat uns nichts getan.
Mit einem kleinen Zittern der Augen liegen wir am Boden. Die ganze Welt scheint surreal. Die Farben werden intensiver und die Sinneseindrücke exzessiver. Die Stimmen erklingen nur mehr wie ein dumpfes Geräusch. Ihr Körper zittert und zeigt Anzeichen für Krämpfe. Ich liege daneben und warte auf den Höhepunkt. Schließe die Augen und schwebe weg. Der von Erbrochenem und Verschüttetem getränkte Boden dient uns als Ablagefläche für unsere unnütz gewordenen Körper. Mit der Hand greife ich nach einer weiteren Pille und lege sie mir auf die Zunge. Die Wirkungen vermischen sich. Ich verliere alles. Die Übersicht über das Sein und die Kontrolle über mich.
Als ich die Augen wieder öffne, liege ich neben einem hässlichen Mädchen. Fast gänzlich nackt wache ich auf in einem stinkenden Bett. Entwische, während ich meine Kleidungsstücke schnell zusammenpacke und im Badezimmer verschwinde. Die Kopfschmerzen lassen mich auf der Toilette niedersinken. Durch das Heben des Kopfes erblickt zum ersten Mal seit gestern mein Spiegelbild diesen Anblick. Ich schrecke zurück. Ich sehe aus, als wäre ich gerade eben erst von den Toten auferstanden.
Auf den Weg, die Treppe nach unten, vorbei an all den Alkoholleichen und Drogenjunkies sammle ich den einen oder anderen Freund auf. Bei manchen, wenn ich mich so umblicke, ist es nicht bei diesen Pillen geblieben. Als wir die Tür öffnen, über die verstreute Kotze steigen und das Tageslicht spüren, schließen sich unsere Augen fast wie automatisch bis auf einen kleinen unscheinbaren Schlitz. Einige von uns sind von diesem Anblick zu sehr beeindruckt, sodass sie sich einen Sitzplatz auf der Stiege vor dem Eingang reservieren. Diese kleine Stufe dient uns nun allen als Sitzfläche um den Morgen kommen zu sehen. Leute gehen vorbei, schütteln nur den Kopf.
Und wir blicken in die Stadt hinein. Sehen zu, wie sie zu leben beginnt, während unsere Leben immer mehr den Bach hinuntergehen. Plötzlich macht noch ein wohlgeformter und wunderbar gedrehter Joint die Runde. Der langsame Zug, das Aufsteigen des sanften, weißen Rauches. Kein hartes Zeug. Etwas zum gemütlichen Abschlusschillen, wie wir immer zu sagen pflegen. „Wir sind der letzte Dreck. Der Abschaum der Menschheit. Das erbärmlichste, elendste, unterwürfigste, jämmerlichste Gesindel das jemals ins Leben geschissen wurde.“, sage ich. Ich zitiere gerne aus Trainspotting. Wir sind Renton und Spud, Sickboy, Tommy und Begby, Diane und Swanney. Mehr sind wir nicht.
Wir hassen das Leben. Hassen den Konformismus der Massen. Nichts, aber auch gar nichts lässt uns an irgend etwas Geregeltes denken. Wir sind anders. Wir wollen, wir müssen anders sein. Sonst fühlen wir uns nicht wohl. Wir wollen nicht ja sagen, zu den anderen, zu den Spießern, die mit Anzug und Krawatte, Lederschuhen und Haargel Tag für Tag in ihre verdammten Büros marschieren. Wir wollen unser Leben leben. Selbst wenn es so schlimm zu ertragen ist, als dass wir diese Kicks wie letzte Nacht brauchen. Wir zerstören uns selbst und mit uns geht auch die ganze andere Welt unter. Ihr seid Idioten, die ihr glaubt, ihr könntet die Welt retten. Wir können sie nicht retten, und wir versuchen es auch nicht. Wir gehen langsam aber sicher mit ihr unter und haben wenigstens gelebt.
Doch die Wahrheit ist. Man hat uns nichts getan.
