Zwischen Himmel Und Erde.


Wir können das, denn wir sind anders. Flüstert ein Engel in mein Ohr.

Für immer“, hast du zu mir gesagt. Ich habe gelächelt. Zu oft habe ich diese Worte aus dem Mund eines mir vertrauten Menschen gehört. Ich kann dir nicht vertrauen, nicht in dieser Angelegenheit. Vertrauen ist etwas so Wertvolles, als dass ich es so einfach herschenken könnte. Sage nicht Worte, die in wenigen Tagen, Wochen, Monaten, ihre Bedeutung verlieren. Für hoffentliche lange Zeit, wäre passend. Um die Hoffnung zu betonen, die einen oft lange zusammenhält, obwohl es sonst nichts Gemeinsames mehr gibt.

Die Stadt, und alles hier liegt in den Scherben eines Regeneinsturzes. Der Himmel brach über uns herein und die Wassermassen strömten über unsere Wangen. „Hast du geweint?“, frage ich dich, als ich dir die Regentropfen aus den Augen wische. Salzig schmecken meine Finger nun. Nein, du hast nicht geweint. Hast dich nicht mal bewegt, als die Welt zusammenbrach. Hast nur deine Augen geschlossen und den Moment zu lieben gelernt.

Nicht ein Wort hat deine Lippen verlasse. Nicht einen Gedanken verschwendetest du an all die Probleme, die dein Leben ausmachen. Sorglos stehst du da. Vom Regen durchtränkt, zitternd vor Kälte, den rauhen Wind abprallend. Auch ich versuche, all das zu spüren, was dich gerade ausmacht. Strecke meine Arme von meinem Körper und schließe die Augen. Blicke in den wieder blau gewordenen Himmel. Unsere nasse Kleidung lässt uns sinken. In den Boden der Ernüchterung. Und doch öffnen wir die Augen nicht. Bis wir bis zum Hals in diesem Feld stecken. Wir uns nicht mehr bewegen können.

Dieser Fehler„, sagst du, „diesen Fehler machen wir nicht mehr. Leben wir doch nur alleine. Jeder für sich. Sodass keiner mehr versucht, so leben wie der andere. Um sich nicht weiter anzupassen. Um nicht auf das Trittbrett aufzuspringen. Um nicht gemeinsam einzusinken. Sonst könnte einer von uns den anderen aus diesem Sumpf herausziehen. Ich nicke nur, kann mich kaum bewegen, das Atmen bereitet Schmerzen. Doch plötzlich wandelt sich dieses Sumpfgebiet in ein stilles Gewässer um

Zu anderen Ufern machen wir uns auf, als wir uns treiben lassen. Egal wohin man blickt, man sieht nur dieses Wasser. Die Sonne, die sich darauf zu spiegeln versucht. Und all die Kreise, die durch die kleinen geworfenen Steinchen verursacht werden. Wir lassen uns treiben. Und es treibt jeder für sich. Auf ein Mal wird unsere Umgebung zu einem Fluss. Wir halten uns fest, und uns.

Unsere Liebe kann uns aber nicht mehr halten. Als der Wasserfall uns entzwei reißt. Ich versuche, dich zu erblicken, als ich aus unzähligen hunderten Metern in das darunterliegende Wasser abstürze. Doch du bist weg. Alles ist weg. Nur mehr der Himmel bleibt als stetiges Symbol stehen und lässt nun plötzlich alles blau erscheinen. In diesem schönen Azurblau, voll Sanftheit und Anmut.

Mit deinen Augen möchte ich nun sehen. Wo du jetzt stehst, ganz alleine. Jetzt lebst du ganz für dich alleine. Wir haben uns verloren. Sind nicht mal mehr existent füreinander. Du bist auf der anderen Seite des Wasserfalls. Auf der anderen Seite des Regenbogens. Ich sehe nach dir. Immer noch keine Spur von Leben auf deiner Seite. Nichts. Nur diese unzähligen gelben Lilien, die sich zu einem Meer aus Blumen versammeln.

Liebe mich, Leben„, brülle ich. Hinein in dieses Meer, mit den Wellen, die der Wind mit diesen Blüten schlägt. Neben mir baut sich ein kleines Gestrüpp aus lauter Dornen und giftigen Kräutern auf. Nichts kommt so, wie es kommen sollte. Man kann nicht damit rechnen. Mit nichts kann man rechnen.Und plötzlich stolpere ich und falle genau in … dieses Meer aus Gelb.

Ich vermiss dich, my dear‘, denke ich mir. Wo magst du nur sein. Sagtest du nicht, für immer. Und dann versuchtest du mich wegzustoßen. Du hast gelogen. Hast nicht gewusst, was du sagen solltest und sagtest einfach das, was man in Momenten wie diesen zu sagen hat. Ich richte mich auf, knie mich hin. Blicke in die Sonne und die Blätter des Ahornbaumes neben mir. Und suche mir Schatten.

Der größte Moment mag wohl schon vorbei sein. Alles scheint nun vorbei. Alles. Und doch geben diese Blumen mir ein Zeichen der Regeneration, der Wiedergeburt, dem Auferstehen aus dem Reich der Vergessenheit. Jedes Jahr zu Frühling wird die Natur wieder lebendig, Blumen sprießen, Gefühle leben. Vielleicht sollte ich mich auch darauf freuen. Sollte hoffen, dass es wieder wird, wie damals.

Bis an den Rand der Klippen wandere ich. Kurz vor der Kante schrecke ich zurück. Ich habe Höhenangst. Massive Höhenangst. Alleine der Blick hinunter erzeugt bei mir Schwindelgefühl und Übelkeit. Plötzlich spüre ich deine Hand. Sie greift mich an der Schulter und zieht mich zurück. Ich falle zurück, auf dem Rücken lande ich, ich sehe dich. Wo warst du, möchte ich dich fragen. Wer bist du, bleibt mir immer im Gedächtnis.

Am Ende der Liebe angekommen, lächelst du mich an. Alles soll wieder so sein, wie es früher war. Du möchtest wieder im Regen tanzen und das Leben leben. Das Leben, das du dir erwartet hast. Doch ich habe genug. Als ich vor dieser Klippe am Boden liege, schließe ich meine Augen. Ganz langsam. Um noch einen letzten Blick von dir erhaschen zu können. Deine Lippen berühren die meinen. Du versuchst mich wach zu küssen. Doch es ist zu spät. Die Augen sind geschlossen. Wir sind angekommen. Am Ende der Liebe.

//Zwischen Himmel Und Erde, Klee, 2006, Ministry O, Link 1

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