
Ich habe viel nachgedacht. Und du hast oft angeläutet. Hast stundenlang geklopft, an meiner Tür. Jetzt ist es wohl Zeit, dir zu öffnen.
Du bist durchnässt. Warum hast du auch keine Jacke angezogen. Du frierst. Ich gebe dir ein Handtuch, zum Abtrocknen. Du nimmst es. Trocknest dir dein Haare ab. Dein T-Shirt. Deine Hose. Du bist also … das „wahre Leben“. Mit einem brennenden, vergifteten Pfeil im gebrochenen Herzen. Mit glühenden Tränen aus Angst, Sorge. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Mit einem Gesicht, aus dem so viel Lebenserfahrung spricht. Du siehst noch genauso aus, wie an dem Tag, an dem ich dich aus meinem Haus geworfen habe. Du lässt dich wohl wirklich nicht abschütteln. Wie ein kleiner Dackel standest du immer hinter mir, ich musste Acht geben, dir nicht auf die Füße zu treten.
„Wie geht es dir denn?“, fragst du mich. Schon gut. Danke der Nachfrage. Aber ich verstehe nicht, warum bist du immer noch da. Warum hast du nie nachgegeben. Warum bist du nie nach Hause gegangen, als ich dir die Türe nicht öffnen wollte. Du bist standhaft. Hast Durchhaltevermögen. Ich hätte schon längst aufgegeben. Also, warum hast du das gemacht. „Weil du mich brauchst“. Ach so, ich brauche dich also. Schon jetzt hasse ich deine Hochnäsigkeit schon wieder. Am liebsten würde ich dich schon wieder rauswerfen. Doch jetzt bist du schon einmal hier.
Ich wusste, dass du auch heute kommen würdest. Ich habe mein Zimmer aufgeräumt. Wir sitzen gemeinsam auf der Chill-Matratze am Boden. Ich sehe dich an. Lange. Dich beunruhigt das gar nicht. Es erscheint mir, als würdest du es eigentlich erwarten, dass ich dich mustern werde. Ich habe Angst vor dir. Deine Augen. Sie sehen so schrecklich aus. Dir geht es schlecht, sage ich dir. „Warum“, fragst du mich. Ich sehe es dir an. Ich sehe es doch an deinen Augen. Deine Augen spiegeln so viel Angst, so viel Schmerz wieder. Du lächelst. „Nein, ich bin glücklich.“
Das erscheint mir gerade etwas schräg. So sieht man aus, wenn man glücklich ist. So möchte ich doch nicht einmal aussehen, wenn mir das schrecklichste widerfahren wäre. Ich bin oft glücklich, und normalerweise lächele ich. Und denke nichts anderes und bin einfach nur glücklich. „Auch du siehst so aus, wenn du glücklich bist.“, erklärst du mir. Ich lache. Nein, das glaube ich dir nicht. Wovor sollte ich denn Angst haben, wer sollte mir Schmerz zufügen, wenn ich glücklich bin. Du erklärst es mir. An einem Beispiel. Du nennst die Liebe. Ach, wenn du nur wüsstest, wie Liebe zurzeit für mich aussieht. Du erklärst mir, dass, wenn ich glücklich bin, wenn ich neben „ihr“ liege, dass genau das in meinen Augen zu sehen ist. Ich hätte Angst, sie zu verlieren. Hätte Zweifel, am Schicksal. Würde mich fragen, ob „sie“ mich wirklich liebt. Würde mir ausmalen, wie es ist, wenn es vorbei ist. Und ich denke an den Schmerz. Den Schmerz, den ich spüren würde. Und während du mir das so ausgiebig erklärst, ist plötzlich dieser Schmerz da. Ich habe Angst. Angst vor dir. „Warum“, fragst du mich. Weil du Recht hast. Du weißt alles über mich. „Ich weiß nicht alles über dich. Ich weiß zwar schon einiges, aber nicht alles. Ich weiß, wie du lebst. Und ich möchte dir zeigen, wie ich lebe.“ Wie ich lebe.
Wie ich lebe. Diese Worte klingen in meinem Kopf. „Nein, du lebst noch nicht“. Ich blicke dich an. Meine Stirn wird kalt, ich bekomme eine Gänsehaut. Und ich habe Angst. Und habe Zweifel an dem, was du sagst. Was gibt dir das Recht, dies zu sagen. „Weil ich es weiß.“. Was verstehst du denn überhaupt unter dem Begriff „leben“. Und während ich dich das frage, weiß ich schon, was du antworten wirst. „Das kann ich nicht erklären. Dass musst du selbst erleben“. Ich lache. Er-leben. Schon gut.
Aber was hast du, was ich nicht habe. „Ich habe schon ein bisschen gelebt.“ Siehst du deshalb so aus. Mit diesen Tränen. Diesem schmerzverzerrten Gesicht. „Ja.“ Das ist also der Grund. Dann will ich doch gar nicht leben. Du schüttelst langsam den Kopf. Ich weiß, du willst es mir erklären. „Kennst du Dorian Gray?“ Ja, es ist mein Lieblingsbuch. „Dein Lieblingsbuch. Und die hast bist jetzt noch nichts gelernt?“ Gelernt. Nein. „Jede Handlung die du in deinem Leben, während du lebst, machst, wird Auswirkungen haben. Es wird dich verändern. Doch bis jetzt lässt du es noch nicht zu. Du handelst nicht, lebst nicht, nur um dich selbst nicht zu verändern. Nur um keine Auswirkungen erkennen zu müssen.“ Du hast Recht, schon wieder. Ich stimme dir zu.
Du lächelst. Es überrascht dich, dass ich heute so friedlich bin. Dass ich so einsichtig bin. Ja, ich weiß, ich habe mich verändert. Ich denke viel nach. Und ich möchte ich nicht mehr der Vollidiot sein. Möchte leben.
„Da bist du ja an mir an der richtigen Person“ Ich verstehe dich nicht. „Weißt du es nicht mehr, ich bin es, das wahre Leben.“ Ich lächele. Und du nimmst mich an der Hand. Und führst mich aus meinem Zimmer hinaus. Raus auf die Straße, wir gehen über die Brücke, über den kleinen Bach. Und wir machen uns auf den Weg. Ich beginne also zu leben. Und ich mag dich, wahres Leben. Du bist mir symphatisch.
