Wir Müssen Das Nicht Tun.

Agnostik für Anfänger.

Es wurde Zeit. Manchmal nehme ich mir für ein gutes Buch einen bestimmten Tag vor, an dem ich die letzte Seite lese und es dann zufrieden zuschlage. Zuschlage und beruhigt ins Bücherregal zurückstelle. Oder ich freue mich auf irgendeinen wunderbaren Tag. Und wenn man dann diese eine letzte Seite liest, oder kurz vor diesem Tag steht, will man nicht, dass es schon vorbei ist. Aber es gibt auch Dinge, da freut man sich trotz all der Wehmut des Vergangenen, des Zurückliegenden, auf das Ende. Und es wäre doch schon wieder so infantil, schon wieder von einem Ende zu sprechen. Ich habe schon oft davon gesprochen, dass ich damit abgeschlossen habe, aber ich habe es nie wirklich. Ich habe mir Brücken gebaut, die mich nicht wirklich auf den Tatbestand haben blicken lassen. Gestern Abend aber kam mir der Gedanke.

Was ist schon Freundschaft.
Freundschaft?
Was ist es schon?

Ich habe Freunde. Auf ein halbes Dutzend Menschen schätzungsweise kann ich immer zählen. Ich will nicht nachzählen und irgendwelche Unterscheidungen machen, weil irgendwann einmal irgendetwas vorgefallen ist. Aber ich denke, dass doch, und trotz der kommenden Entfernung dieses halbe Dutzend bestehend bleibt. Aufgeteilt auf der Welt. Aber warum?

Warum?
Warum, verdammt noch mal sehne ich mich so nach einer Freundschaft zu ihr. Diesem Menschen, den zu lieben nicht sinnvoll, und auf den zu warten viel zu schmerzhaft ist?
Warum denn bitte schön.

Ich habe genug Freunde. Warum würde ich mir so gerne wünschen, dass sie sich meldet und mich fragt, wie es mir geht, und ich aus ihrer Stimme höre, dass es sie wirklich interessiert. Warum würde ich mich gerne mit ihr auf einen Kaffee treffen. Warum würde ich mit ihr gerne sprechen. Warum würde ich ihr mein komplettes Leben erzählen. Und warum meldet sie sich nicht. Und fragt nicht. Und trifft nicht. Und spricht nicht. Und erzählt nicht. Warum.

Ein Gedanke, der mir kam, war Gefühlskälte. So à la … „Naja, das war nun eben mein erster Freund, wir hatten eine Beziehung, eine mitunter sehr schöne. Ich habe alles verkackt. Alles ging den Bach runter, weil ich nicht dazu imstande war, etwas an Energie in die Beziehung zu stecken und ich ihn alles habe versuchen lassen. Aber dann hat er mich zu sehr eingeengt mit seinem Wunsch nach Freundschaft, wo doch wieder Gefühle da waren. Es hat wohl keinen Sinn, also melde ich mich auch nicht mehr. Sehe ich ihn eben nicht mehr. So wichtig war er mir auch nicht.“

Vielleicht denkt sie so, wünschenswert wäre es nicht. Denn Gefühlskälte ist wohl eine der schlechtesten Charaktereigenschaften, die ein Mensch haben kann. Ja, in manchen Momenten der Wut und der Trauer schreibe ich ihr viele negativen Eigenschaften zu. Aber sie hat sich nicht gemeldet. Ein Treffen verlief vollkommen anders, wir haben seit fünf Monaten nicht mehr miteinander gesprochen obwohl so viele Worte nötig wären. Sie nimmt mir die Möglichkeit einen Punkt zu machen. Ich möchte nicht aufdringlich sein, möchte nicht ständig danach fragen, ob sie vielleicht für einen Kaffee Zeit hat. Sie soll sich melden. Sie soll mir zeigen, dass ihr etwas daran liegt, dass sich eine Freundschaft entwickelt.

Aber sie meldet sich eben nicht. Wir müssen das nicht tun. Aber ich weiß es nicht. Du weißt, dass ich es hasse, wenn Menschen, die ich liebgewonnen haben, aus meinem Leben verschwinden. Wie sehr es mir weh tut. Und trotzdem machst du es gerade. Hau ab, du verdammtes Stück Mensch. Du, die mir den Kopf verdreht hat, und in mir zum ersten Mal das wahre Gefühl der Liebe ermöglichte. Dass mich im Regen stehen ließ, ohne Antworten und mir Hoffnungen machte, nur um mich wieder und immer wieder im Regen zurückzulassen.

Wenn ich nur all den Mut und all die Kraft hätte, ich würde mir vor dich stellen. Und würde dich anschreien, wie sehr ich dich hasse und wie sehr ich es beschissen finde, dass du keinen einzigen Funken Anstand hast und dich irgendwann einmal meldest. Dass ich dir scheißegal bin und einfach so aus deinem Leben gestrichen. Dass wir nie funktioniert haben, und das alles nur wegen dir. Wie sehr ich von dir enttäuscht bin und wie gern ich dich nie mehr wieder sehen möchte. Dass du jetzt einen wunderbaren Menschen als potentiellen guten Freund verloren hast. Dass du schon wieder verloren hast, wie immer. Dass du endlich aus meinem verdammten Kopf verschwinden sollst und dass ich es hasse, immer noch zu hoffen. Ich würde dir ins Gesicht schreien und würde wahrscheinlich zu Weinen beginnen, weil gerade diese Wörter, gerade all das seit Wochen und Monaten in meinem Kopf entstanden sind und endlich Freiraum brauchen.

Und nachdem ich Kettcar schon für Titel und Einstiegszeile verwendet habe, hier noch einmal deutschsprachige Musik. Klee.

Wir können das, denn wir sind anders.

Wir können es nicht. Ich versuche es nun endlich zu begreifen. Wir können es nicht. Können nicht Freunde sein, weil du, wie in die Beziehung, nichts investieren möchtest.

Und ich Vollidiot dachte, wir wären anders.
Wären anders.
Als all die anderen.
Und dann du.
Pah.

Du weißt wahrscheinlich gar nicht, was du für einen wunderbaren Menschen aus deinem Leben verlierst. Wen du verlierst, was für eine Persönlichkeit und was für einen Freund du hättest haben können. Einer, der immer für dich da gewesen wäre und mit dir über alles geredet hätte, der mit dir über deine neuen Beziehungen gesprochen hätte und der mit dir gelacht hätte. Du hast es versaut. Schreib es dir auf die Stirn. Okay? Du hast mich verloren. Du hast verloren. Aber wahrscheinlich weißt du das gar nicht. Du verstehst nicht.

Der Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont.

Wir müssen das nicht tun. Okay. Und ruf mich jetzt ja nicht in den nächsten paar Tagen an. Damit ich zusammenbreche, mit all der Wut und der Angst und dem Frust. Damit ich mich nicht freue, deine Stimme mal wieder zu hören. Ich will es nicht.

Us Apart.

Der Mond. Die Nacht. Und alles. Du.

Du verlierst. Ich habe schon längst verloren. Die Selbstachtung wahrscheinlich. Von diesem Ding ist nur mehr ein klitzekleines Elend übrig. Mehr nicht. Weg ist es und trotzdem sitze ich hier in meinem Bett und wippe im Takt der Musik. Wippe und warte. Auf den Moment und auf das Morgen. Alles schmerzt und es wäre wohl das Beste, wenn ich schon schlafen gehen würde. Mit mir kann man eigentlich in diesem Zustand nicht viel anfangen.

Morgen wirst du landen. Du hast sicherlich viel zu erzählen. Ich werde diese Geschichten nicht hören. Obwohl ich deinen Geschichten immer gerne lauschte. Sie waren manchmal vielleicht sinnfrei, aber sie kamen von dir. Von dir vorgebracht. Für mich. Das war das Bedeutende an deinen Geschichten. Ich habe ihnen immer gelauscht. Du wirst dich nicht melden und ich warte. Warte auf den Morgen und auf diesen einen Moment.

Ich hätte auch Geschichten. Was habe ich nur erlebt, während wir uns nicht sahen. Neue Träume sind aufgekommen, und Zweifel sind grundsätzlich immer dabei. Ich hätte dich um deine Meinung gefragt, doch scheinbar funktioniert ein rein rationales Leben ohne dir ebenso. Aber warum das Ganze. Warum nur ich. Warum hast du damals nicht einfach gesagt, so wie es beinahe alle bisher gesagt haben. Warum hast du nicht auf scheinbarer Freundschaft beharrt, und wir hätten uns nie so kennengelernt. Ich hätte dich nie lieben gelernt und würde nicht ständig an dich denken. Warum ist es so gekommen. Ich denke nach, und komme auf den Entschluss, dass kein Morgen kommt.

Kein Morgen, wie ich ihn verdient hätte. Viel sinnloser, als meine Träume ihn mir schmackhaft machten. Träume sind eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Sind sinnlose Gedankenverwirrungen. Werden wir uns wiedersehen. Werden wir jemals wieder frei miteinander reden können. Verdammt, du weißt, dass es nicht an mir liegt. Verdammt, ich weiß. Du verlierst. Verlierst einen Menschen, der dein Freund, dein rein platonischer Freund sein könnte. Du verlierst. Und ich? Ich habe schon längst verloren.

Entfernt.

Die Kieselsteine auf meinen Knien drückten sich hinein, als ich auf dem Boden knie und fragen in Richtung Himmel blicke. Doch der Schmerz ist mir egal.

Es ist als hätte ich dich ein weiteres Mal verloren. Ich konnte dich nicht in meiner Nähe haben, die letzten Monate. Habe dich nicht gesehen und jetzt, wo du 3839 Kilometer entfernt bist, kommt es mir vor, als wärst du für immer weg. Obwohl du in wenigen Tagen schon wieder zurückkommst. Es ist anstrengend, dich zu vermissen, mit dem Wissen, dass du keinen Gedankenfunken an mich versprühst. Aber verdammt, du fehlst.

Langsam erhebe ich mich und überlege mir, was du für mich warst. Die erste große Liebe. So richtig große mit Gedanken für die ferne Zukunft und so. Du warst die Erste, die mein Herz für kurze Zeit zerfetzte. Und nie wieder ist es richtig geflickt worden. Du hast kaputt gemacht, und ich hoffte doch immer, bis jetzt hoffe ich noch, dass wir uns irgendwann einmal wieder sehen. Dass eine Freundschaft entstehen kann. So zu lieben, wie ich die schon einmal geliebt habe, das könnte ich heutzutage gar nicht mehr.

Ich wische die Kieselsteine von meinen Knien und warte. Ich habe doch schon genug Freunde, viel zu wunderbar sind sie. Stets da und hilfsbereit und großartig. Warum lege ich so großen Wert darauf, auch mit dir eine Freundschaft aufzubauen. Weil ich dich nicht verlieren will. Ich will, nicht, dass du aus meinem Leben verschwindest. Aber das große Problem: Ich habe dich schon verloren. Was zwischen uns früher einmal Liebe war, wurde für dich scheinbar Gleichgültigkeit.

Suche dir bitte nie wieder einen Menschen. Bleibe allein, denn du hast es nicht anders verdient. Du hast nicht verdient, von ganzem Herzen geliebt zu werden. Denn du kannst nur enttäuschen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, dass du mich nie mehr indirekt enttäuschst. Indirekt? Ja, denn du siehst es meistens erst gar nicht. Der Himmel gibt mir auch keine Antworten. Er ist wie du.

Verlieren.

Du kannst ja tun was du willst. Aber irgendwie würde ich dir gerne so viele Dinge ins Gesicht schreien.

Niemand kann bestätigen, dass eine Freundschaft nach einer Beziehung funktioniert. Ich war immer in diesem Glauben und viele Male hat es funktioniert. Doch du machst es mir nicht wirklich leicht. Wir hatten Abstand, einige Monate haben wir uns nicht gehört und gesehen. Irgendwann kamen wir wieder in Kontakt, machten uns ein Treffen aus. Um wieder einmal lange zu reden. Doch als wir uns dann sahen, fiel dir ein, dass du keine Zeit mehr hast. Du müsstest irgendwo hinfahren und ließest mich zurück. Es könnte mich nicht stören, doch ich hasste diesen Tag dafür.

Als wir uns das nächste Mal in einem Instant Messenger kontaktierten, kamen wir über Smalltalk nicht hinaus. Ich wartete auf irgendeine Antwort von dir, und erst als du offline gingst, hast du dich noch von mir verabschiedet. Kein Wort von dir, dass du nun eine Woche in London sein würdest, kein Wort von dir. Erst durch Zufall bin ich drauf gekommen und warte nun.

Frage mich, ob du dich jemals wieder meldest bei mir. Oder ob ich dir so egal bin, wie es mir zurzeit eben scheint. Wenn es so ist, kann ich nichts tun. Aber du weißt doch, wie schwer es mir fällt, einen liebgewonnenen Menschen aus meinen Leben verschwinden zu sehen. Wenn du dann einfach weg bist, und ich in Wien, wir werden uns nur ganz selten sehen. Wahrscheinlich stets zufällig. Und von Freundschaft wäre dann überhaupt nicht mehr zu sprechen. Dann könnte ich wenigstens sagen, du hättest es versaut.

Ich würde dich ewig dafür hassen, wenn ich denn irgendwann im Stande wäre, dich zu hassen. Wie kann es nur sein. Für mich unvorstellbar. Für dich wahrscheinlich nicht einmal einen Hauch anstrengend. Schreib am besten ein Buch. „How to lose someone, who loved me, forever“. Die Frage „Why are we still friends“ würde sich dann schon wieder in Luft auflösen.