This is the life.

210109nw1

Er lächelt.
So gut hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Oder seit Wochen. Sagen wir.
Seit Tagen. 

Hier, in dieser mickrigen Großstadt. Auf der Suche nach dem Himmel, zwischen all den riesigen Bauten. Alles scheint zu laufen, so wie er es nicht erwartet, sich aber insgeheim gewünscht hatte. Alles würde sich zum Besseren umkehren. Vielleicht nicht alles. Vielleicht nur ein ganz kleines Bisschen. Aber darauf hatte er ja gewartet. Auf die Fügung des Schicksals. Auf das Aufeinandertreffen von Glück und ihm. Es brauchte nicht viel, um ihm wieder einmal ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

Wenn erst der erste heftige Druck abgefallen ist, und man erkennt, dass alles schließlich doch so durch und durch einfach ist, geht es wieder. Man erkennt die Fehler, die man in den letzten Tagen. Oder Wochen. Sagen wir: In den letzten Jahren begangen hat. Und plötzlich wird man einsichtig und bereut keinen Einzigen davon. Nein. Vielleicht bereut man einen Fehler, aber in derselben Situation, zum selben Zeitpunkt würde man sich genau so wieder entscheiden.

Und jetzt macht er sich auf den Weg. Auf der Suche nach dem Himmel, im Versuch, das Glück festzuhalten. Es ist ein widerspenstiges Ding, kämpft gegen Nähe an. Aber er will es nicht so schnell wieder gehen lassen. Diese Woche läuft ausgezeichnet, und er hofft auch noch unzählige weitere Wochen dieser Art. Aber das wird es wohl nicht sein. Es kann nicht immer alles 100% laufen. Einen Durchhänger hat man immer mal. Wenn man Coldplay hört, und sich plötzlich mit einem riesigen Batzen Selbstmitleid Einsamkeit wiederfindet. Oder wenn man ein Abkommen mit sich selbst bricht. Das nervt jedes einzelne Mal und haut einen um Lichtjahre zurück. Damit muss man leben. This is the life.

[Bildauschnitt / Bild / flickr-User: Mary- you had to be there]

So why does the wind go howling her name?

Er atmet tief ein. Und so sehr er es sich auch wünscht, die Stimme in seinem Kopf gestattet ihm keine Sekunde der Stille. Es ist kalt hier, draußen, an der frischen Luft. Der Himmel, so blau. Und immer. Ja, immer denkt er nur an sie und vergisst zu vergessen. Er hat das Vergessen nie erlernt. Alles Geschehene bleibt in ihm. Und an manchen Momenten scheint ihm die Vergangenheit den letzten Schlag versetzen zu wollen. Es ist unerbitterlich und auch der Wind setzt seinen Weg fort, staubt die Kristalle von den Schneedecken und wirbelt sie mutlos in die Luft.

Es ist doch schon so lange aus. Er versteht einfach nicht. Er versteht sich selbst nicht und zweifelt – wieder einmal – an sich selbst. Er dachte, er könnte nun endlich an jemand anders denken. Doch trotzdem taucht sie noch immer jeden Tag auf. In seinen Gedanken, und manchmal auch in seinen Worten. Als könne er mit ihr einfach nicht den Frieden finden. Eigentlich kommen ihm immer nur die wunderschönen Tage mit ihr unter. Die sonnigen Tage am See, die Spaziergänge rund um den Sumpf. Die Abende, als sie gemeinsam einschliefen und am nächsten Tag gemeinsam aufwachten. Seither hatte er nie wieder so etwas erlebt, so etwas gespürt. Vielleicht mag es auch daran liegen. 

Er lehnt sich ans Brückengeländer. Vom Frost etwas kalt geworden, hält es ihn immer noch davon ab, sich in den reißenden, und zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich umso kälteren Bach zu fallen. Hier sind sie einmal gelegen. Auf einer Decke, mitten in der Nacht. Und haben die Sterne gezählt. Ein Stern trägt immer noch ihren Namen. Ein Stern. Und er blickt auch heute noch oft, egal wo er sich gerade befindet, hinauf. Zu den Sternen. Welche ein ganz besonderes Gefühl in ihm entwickeln. Jeder Mensch, welchen er auf (manchmal auch unergründliche Weise) liebt, befindet sich dort oben. Warum er auch für sie noch so viel empfindet, versteht er nicht. Aber es soll wohl so sein. Vielleicht findet sich ja wieder die Zeit und Gespräche brechen den Bann und irgendwann können sie auch wundervoll ihr Leben teilen. Als Freunde womöglich. Er würde es sich wünschen. Wahrhaftig. Selbst wenn es noch lange dauern wird. Er würde erst aufgeben, wenn sie ihm die Möglichkeit eines langen Gespräches geben würde. Denn dann würden wohl auch die Gedanken einmal ruhen und die Stille in seinen Kopf einkehren. Zumindest, was diese Sache betrifft. 

Foto von Misserion

Raindrops.

Das Wetter lässt mich unbeeindruckt. Doch dieser eine Regentropfen.

Langsam fällt er auf mich herab. Bedeckt meine Jacke und trifft auch einige Haare, die unter der Kapuze hervorlugen. Das Wetter hat also umgeschlagen. Keine Aussicht mehr auf einen frühen Frühling. Die Auferstehung der Natur muss wohl um einige Wochen verschoben werden. Es regnet und ich stehe pitsche-patsche-nass am Straßenrand. Die Zigarette in meiner Hand hat auch schon einiges abbekommen. Mit ein paar langen Zügen versuche ich noch zu retten, was zu retten ist. Doch es ist vorbei.

Gestern hast du noch vom blauen Himmel gesprochen. Blau, wie eben nur ein Himmel sein kann. Ich habe ihn gesehen. Habe minutenlang hineingeblickt und gehofft, irgendwo eine Wolke zu sehen. Doch da war nichts. Nur das Blau und das Nichts. Beim letzten Regenguss bist du verschwunden. Alles ist verschwunden. Aber noch ist nichts verloren. Doch wo bist du?

Du bist verschwunden. Einfach weg. Für immer. Alles ist für immer. Forever. Nothing lasts forever. I will love you forever. Forever. Für immer. Man wirft mit diesen Worten viel zu häufig um sich. Was ist schon forever? Nichts. Man kann nie wissen was kommt. Aber du bist weg. Seit Stunden, Sekunden, Tagen. Ich stehe hier am Straßenrand, der Regen tanzt vor meinen Augen und du bist weg.

Was bleibt, ist dieser Regentropfen. Mein Regentropfen. Du bist mein Regentropfen. Für immer, okay?

Entstanden aus 8 [Worte // Words]