Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel.

Der schwerste Gang. Der letzte Abschied. The Last Goodbye. Das Zittern.

Heute war also dein Begräbnis. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag.

Das Warten. Irgendwann einmal duschen. Und in den schwarzen Anzug schlüpfen. Die neue schwarze Krawatte anlegen. Die Texte einpacken. Und nach meiner Schwester, Timis Vater und einer Freundin gefahren. Da ich es einfach zuhause, mit meinem Vater und meiner Mutter nicht mehr ausgehalten habe. Den Strom zur Kirche gesehen. Und irgendwann einmal hineingegangen. Die Kirche war voll. Aber ich habe niemanden mehr gesehen. Niemanden. Ich suchte mir nur einen Platz bei meiner Familie und zitterte. Zitterte, wie ich es schon immer tat. Nicht aus Kälte, nicht aus Aufregung. Ich zitterte einfach.

Gerhard hat wunderschöne Worte gefunden. Wunderschön. Passend. Bewegend. Irgendwann trug ich auch meine Fürbitten vor. Meinen Text. Und dann Natalies Zeilen. Und irgendwann vorher das Anstecken der Buttons, auf denen ein Schmetterling als Zeichen für unseren kleinen Timi steht. Und dann der Gang zum Friedhof. Ich voran, das Kreuz, mit seinem Teddybären und seinen Schmetterlingen, in der Hand. Die Verabschiedung am Friedhof im familiären Kreis. Das Nachwerfen der Blumenblätter. Die einzigen Tränen von mir am heutigen Tag. Und nach dem Weinen das Ende des brutalen Zitterns.

Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann sich Michaela nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. Ich habe nur das, was in meiner Macht stand getan. Und werde es auch weiterhin tun. Für Michaela, für die Familie. Morgen treffe ich mich wahrscheinlich mit meiner Psychologielehrerin um über eine Therapie für meine Schwester zu sprechen. Und vielleicht auch gleich eine Familientherapie. Für uns alle.

Hier noch mein Text, den ich beim heutigen Begräbnis vorgetragen habe.

Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.

Als vor eineinhalb Jahren dieses unscheinbare, kleine zarte Wesen in unser aller Leben trat, konnte man nicht mal im Geringsten begreifen, welcher Engel hier auf Erden gelandet ist. Deine blonden Haare, deine blauen Augen, dein gesamtes Wesen. Es waren für uns alle die schönsten Momente, als du zu krabbeln begannst, deine ersten Schritte machtest. Oder wenn du einfach nur da warst. Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können,wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst.

Für unsere Familie warst du stets der Sonnenschein. Kamen mein Papa und ich abends nach Hause, empfingst du uns mit deinen tapsigen Füßchen, einem Lächeln und der Bitte, hochgenommen zu werden. Und versank unser Familienleben auch manchmal in Streit und Missmut holtest du uns doch wieder zurück zum Schönen. Du warst dieser eine Fels in der Brandung, der Gesandte, der uns allen wieder zeigte, wie schön die Welt eigentlich ist.

In meiner Erinnerung bleiben immer die Bilder, als du mit leuchtenden Augen dein erstes Weihnachten erlebtest, du dich zum Geburtstag nicht in dein kleines Zelt trautest, oder wenn du mich immer mal wieder wecktest, als du deiner Oma entkommen warst und dich der erste Weg in mein Zimmer führte. Dein Lächeln, deine Berührungen, das Kuscheln. Momente vollkommenen Lebens.

Deine kleine Hand, wie sie sich anfangs um meinen Finger schloss, dein ständiges Nachahmen von mir, und dein Spaß an allem. Erinnerungen, die mir einer nie mehr nehmen kann. Du war für mich Anlaufpunkt, in Zeiten in denen es mir scheinbar schlecht ging. Ein Lächeln von dir, und meine Welt war wieder perfekt. Ich habe so viele Pläne mit dir gehabt. Habe über deinen ersten Schultag nachgedacht, habe Ausflüge in einen Tierpark geplant, wollte Pferde stehlen mit dir.

Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. Welches nie wieder geflickt werden kann. Du bist einfach weg. Was uns bleibt, sind diese unzähligen Erinnerungen an dich. All diese wunderbaren Momente. Du hast uns alle irgendwie verändert. Die ganze Welt schien perfekt zu sein, trotz all dieser Komplikationen, die ein Leben mit sich trägt.

Ich wünsche euch, dir, Michaela und dir, Mathias, alle Kraft der Welt. Es stimmt, es wird nie wieder einen Timi geben. Nie wieder einen Menschen geben wie ihn. Aber ich bin mit all meinen Gedanken bei euch. Und auch euch, liebe Omas, Opas und Urgroßeltern wünsche ich, dass ihr mit diesem Schmerz, mit dieser unsagbaren Tragödie irgendwann umzugehen lernt. Man wird nie verstehen, warum unser kleiner Timi so früh hat sterben müssen. Und alle Menschen, die Timi geliebt haben, bitte ich, dass ihr eure Kraft mit seinen Eltern und Angehörigen teilt.

Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.

Schöne Worte hat Elisabeth gefunden. Sie waren heute Abend noch am Grab. Und sie sagt, das kann nicht alles von Timi sein. Nicht alles von Timi ist unter der Erde. Ein Teil ist da, wenn sie mich ansieht. Oder uns als Familie. Vielen Dank für das Gespräch heute Elisabeth. Und auch dir, Maria. Dankeschön. Und an alle, die heute da waren. Dankeschön.

Und jetzt fliege schön. Und schnappe dir irgendwann den Luftballon, der von deinem Sarg losgelassen wurde. Schnapp ihn dir. Du hast sie geliebt, die Luftballone. Selbst in meinem Zimmer liegt noch einer, den du letzten Samstag, oder Freitag hier hast fallen lassen.

Ein Letztes Mal.

Feiert ihr nur alle eure Verstorbenen. Geht ihr nur scheinheilig zu den Gräbern, die für euch nur Anlaufstelle sind, um einmal im Jahr zu zeigen, dass ihr jemanden gemocht habt. Wir gehen nicht hin. Wir nehmen Abschied. Wieder einmal. In der Leichenhalle, wo Timis Sarg steht.

Dass ich immer und immer wieder meine Fingernägel in meine rechte Schulter gebohrt habe. Nur um den inneren Schmerz nach außen hin zu spüren. Dass meine Mutter beim Zusammenlegen von Timis Kleidung immer und immer wieder zu weinen anfängt, sie aber einfach nicht aufhört. Dass mein Papa einfach nichts essen kann. Dass die Tränen meiner Schwester nicht enden.

Allerheiligen. Feiern wir die Toten. Feiern wir die Menschen, die ihr Leben gelebt haben. Die so viele Träume von sich erreicht haben. Die irgendwann einmal am Ende angekommen sind. Aber feiern wir nicht den Tod eines Kindes. Dessen Leben erst so richtig begonnen hätte. Der Schmerz. Diese nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.

Gestern, nachdem ich mit Gerhard die Beerdigung durchgesprochen hatte, bin ich in die Kirche gegangen. Wo vor dem Altar, auf einem kleinen Tischlein, Timis Bild stand. Kleine Kerzen am Boden. Und daneben eine Schüssel mit Sand, wo jeder eine Kerze anzünden kann. Und als ich dort vor dem Bild stand, bin ich einfach zusammengebrochen. Zusammengebrochen und auf den Knien gelandet. Und habe gestern endlich wieder einmal weinen können. Einfach so heraus, einfach nur, weil ich ihn so sehr vermisse.

Ich konnte ihn auch noch einmal sehen. Wir alle mussten uns noch einmal von ihm verabschieden. Wie er da im Sarg lag, das Lammfell als wärmespendende Quelle, die Spieluhr auf seinem kleinen Körper. Seine rot-weiße Haut. Seine schwarzen Lippen. Ein Streichen über die Wange, ein letzter Kuss auf die Stirn. Das Gefühl, eine Puppe zu berühren. Das letzte Mal seine Spieluhr aufgezogen. Das letzte Mal.

Am Nachmittag alles organisiert von Gottesdienst, über die kleinen Erinnerungsbildchen, die jeder beim Begräbnis bekommt. Überall herumgefahren mit meinen Papa und ihn soweit gebracht, dass er zumindest ein kleines Bisschen isst. Am Abend die Parte zu meinen Freunden gebracht. Beim Lukas geweint, bei Maria auch. Rahel, Sarah und Susi. Und dann erst wieder bei Elisabeth. Die schon am Montag am Telefon nicht mehr richtig hat sprechen können vor lauter Unverständnis.

Bevor ich diese Runde gemacht habe, ein zweites Mal in die Kirche gegangen. Diesmal waren mein Papa und meine Mama dabei. Und wieder dasselbe. Wieder zusammengebrochen. Wieder weinen können. Und wieder einmal bemerkt, dass ich am liebsten alleine weine.

Der Stress, der ständige Besuch, ist gut für uns. Er beschäftigt uns und lenkt uns, irgendwie, so gut es geht ab. Und irgendwann ist er dann weg. Der Stress. Was dann kommt? Die Leere.