„Du weißt doch, dass …“, meint dieser ältere, schon in Rente gegangene Mann, mit dem ich so gut wie gar nichts zu tun habe. Nur manchmal trifft man sich eben, man kennt sich und man bemerkt, dass er zu dieser einen ungut aufallenden Sorte Mensch zählt, die sich selbst am liebsten hören. Mit seinem Zeigefinger in meine Richtung versucht er die Durchschlagkraft seiner Argumente zu verdeutlichen. Und doch bleibt er so vollkommen uninteressant, dass ich mich während dieser Minuten voll kauderwelsch’gen Monologs bevorzugt auf den sich abkühlenden Kaffee konzentriere.
Der Kaffee bekommt übrigens überraschend schnell seine perfekte Trinktemperatur, kurz nachdem dieser Mann, von dem man sich wünscht, er wär ein Einsiedlerkrebs, wieder verschwunden ist, übrigens so auffällig wie er auch gekommen war, umschließe ich langsam die Tasse und obwohl es draußen eine Temperatur von um die 25 Grad und prächigen Sonnenschein mit Himmelblau und Wolkenweiß hat, genieße ich dieses Gefühl gewärmter Finger. ‚Du zählst doch auch zu diesen Menschen dazu.‘, denke ich mir, überrascht, dass sich die Simme in meinem Kopf plötzlich von mir lossagt und uns als zwei verschiedene Individuen betrachtet.
An manchen Tagen werden die Stimmen in meinem Kopf immer mehr. Das eine nenne ich mal „Das Gewissen“, wobei es mir definitiv nicht hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. Und auch die Unterteilung in das gute G. und das schlechte G. hilft dabei nicht wirklich. Niemand hat eine absolute Mehrheit in meinem Kopf, diese Stimmen bekämpfen sich und das Resultat ist, dass ich vor einer kleinen Auswahl von drei Joghurts stehe, und ich mich nur sehr schwer überwinden kann, mich für eines zu entscheiden. Doch das ist nur an wenigen Tagen so.
An manchen Tagen vergisst man es. Bislang habe ich nur ein einziges Mal, einen einzigen Tag nicht daran gedacht. Es nicht wirklich in Erinnerung behalten. Meine Begegnung mit der Gedankenbombe. Und mir gefiel jener Tag, der durch seine Leichtigkeit den Wind aus all den Segeln der Unruhe nahm. Dafür habe ich mich auch entschuldigt, gestern. Habe eine Stunde damit verbracht, es mir von der Seele zu reden, alleine, nachts, an diesem unruhigen, stillen Ort. Nur bewaffnet mit einer Kerze (es wundert mich, dass ich mich so schnell für eine entscheiden konnte), die in der dichten Dunkelheit ein nur spärliches, aber wunderschönes Licht erzeugte.
Das Licht wird immer größer. Je näher ich komme, desto mehr denke ich darüber nach und wünsche mir, dass alles perfekt ist, und habe keine Ahnung, wie denn nun alles abläuft. Wie die Tage bis dahin vergehen werden und was denn nun sein wird. Ich kenne zwar schon viele, die diesen Schritt schon wagten. Aber auch sie können mir nicht genau erklären, worum es nun geht. Wie denn all das funktioniert. Und so komme ich dem Ende des mehr als einjährigen Tunnel näher, dem Licht entgegen. Hinein in diesen Topf der Unwissenheit, der Unerfahrenheit und der Aufregung. Und vielleicht schaffe ich es in meinem, diesem neuen, Leben, mich vollends ausleben. Mit Dingen, die man nicht von mir erwartet.
Erwartungen zu erfüllen. Man könnte es sich beinahe zur Lebensaufgabe machen. Denn entweder man erfüllt die eigenen Erwartungen oder die, jener Menschen, die man besonders ins Herz geschlossen hat. Egal, ob diese andere Person überhaupt weiß, dass man existiert auf dieser, derselben Erde. Man versucht so unvorhersehbar vorhersehbar zu sein, so undurchschaubar durchsichtig. Und enttäuscht sich doch wirklich nur selbst dabei. Verletzt sich schnell und tiefer als man es von Rückschlägen normalerweise gewohnt ist. Und plötzlich fällt mir meine Stimme wieder ein, diese Stimme in meinem Kopf. ‚Was für ein Mensch bin ich?‘, frage ich, um endlich zu erfahren, was sie denn damit meinte. ‚Was meintest du damit?‘ Und ich höre sie noch, meine Stimme, wie sie lacht, und lacht und nur meint ‚Du bist doch auch so ein Mensch. Ein Mensch, der sich nur zu gerne selbst reden hört.‘ Und ich muss lächeln und stelle die leere Tasse Kaffee zur Seite.
Hier bin ich, Mareike. Ich wollte mich gestern schon melden, schlief aber während des Wartens auf eine Eingebung ein. Jetzt, um beinahe 3 Uhr früh, ist das hier entstanden. Morgen fahre ich dann aufs BarCamp Traunsee und übermorgen Abend anschließend aufs Bock‘ Mas. Möglicherweise kommt die nächste Meldung erst nächste Woche, kurz vor meinem Trip nach Schweden.

jepp, so ist das und wenn du Glück hast hört es nie auf. Ich stehe mir auch oft mit meinen eigenen Gedanken im Weg, ab und an wünsche ich mir etwas weniger „Gewissen“, aber das wäre dann nicht ich.
viel Spass in Schweden.
Dominik, mir gefällt Deine Art zu schreiben. So bildhaft, womöglich leicht und dennoch mit einer gewissen Tiefsinnigkeit. Diesen „Lärm“ im eigenen Kopf kenne ich nur zu gut. In solchen Momenten, die oftmals nicht nur Momente bleiben versuche mir darüber bewusst zu werden, dass diesen Ideen und Bilder von mir selbst, nichts als Schein ist. Dann erreiche ich ein Stadium, dass mich dazu befähigt zu sagen, ich muss mich weder mit der Projektion meiner Identität in die Vergangenheit noch mit der in die Zukunft identifizieren. Das erlaubt mir mich auf das Hier und Jetzt zu besinnen, ohne diesem entrinnen zu wollen, was in meinen Augen ein unglückliches Unterfangen wäre. An dieser Stelle möchte ich Dir ein Buch empfehlen. Stille Spricht von Eckhart Tolle. Mehr als Aufschlussreich. Außerdem kann ich den Besuch in einem Floating-Tank empfehlen. Ein Floating-Tank ist ein Poolartiges etwas, in dem sich Salzwasser befindet. Dadurch liegst Du auf dem Wasser, ähnlich wie im Toten Meer. Hinzu kommt, dass es dunkel und still ist. Die Vorstellung davon kann bedrücken, doch das Erleben selbst ist – zumindest war es bei mir so – wirklich schön. Da sollte man gänzlich unbefangen rangehen. Dadurch, dass Du auf dem Wasser liegst und keinen äußeren Reizen „ausgeliefert“ bist, ist es Dir möglich eine gewisse Innenschau zu betreiben. Das klingt vielleicht etwas nach Esoecke, ist es aber nicht. Hinzu kommt, dass das Gehirn, was im Alltag zu einem großen Teil mit der Gravitation beschäftigt ist, entlastet wird. Jedenfalls brachte es mich soweit, dass sich der endlose Gedankenstrom plötzlich stark reduzierte bis hin zu einer inneren Ruhe, mit der ich mich selbst in einem anderen Licht betrachten konnte und wohl ein Stück weit das wirkliche „selbst“ erkannte. Vielleicht ist das ja mal ein Verusch für dich wert. Angenehme Tage in Schweden!
Ein brillanter Text. Viel mehr kann ich dazu gar nicht sagen.
Lieber Dominik,
schön, dass Du wieder schreibst, und schade, dass ich auf Deine nächsten Texte noch etwas warten muss… Ich höre dich nämlich auch nur zu gerne reden!
Alles Liebe,
Mareike