We created.

Es dauerte einige Zeit, bis das richtige Auto vorfuhr. Ich habe mich zu einem bekannten Treffpunkt gestellt, das Rad die ganze Zeit geschoben. Ohne ein Wort zu sagen, öffnet man mir den Kofferraum, nimmt das Rad und verstaut es sorgfältig, um selbiges und das Auto nicht zu beschädigen. Benommen öffne ich die Beifahrertür und nehme Platz. Das Auto wird gestartet und nach wenigen Metern lehne ich langsam meinen Kopf gegen das Fenster. „Danke, Mama.“ Sie lächelt, mit müden Augen, sieht mich an und fragt: „Was ist denn los?“ „Nichts.“, entkommt es mir reflexartig. Und ich wusste, dass es bei dieser einfachen und gelogenen Antwort nicht bleiben konnte. „Ach. Weißt du …“ So beginne ich meine Geschichte, erzähle ihr jedes Detail, meine Gedanken und alles was ich den Tag über gefühlt habe. Ich spüre keine Bedenken während dieses Gesprächs, diesem Monolog. Schon immer konnte ich ihr alles erzählen. Und obwohl ich sie scheinbar schon weckte, hört sie mir aufmerksam zu.

Nachdem ich mit meinen Worten ein Ende fand, ist erst mal Stille. Die Motorengeräusche, das Quietschen teurer Reifen, als ein Bescheuerter mit Vollgas in den Kreisverkehr einfährt, das leise Radio. Mein Kopf lehnt immer noch an dem Fenster, die wenig beleuchteten Häuser und die unter der Straße durchfließenden Flüsse ziehen an mir vorbei. „Weißt du, ich weiß ehrlich nicht, mit welchen Worten ich dir helfen könnte.“, bricht sie das kurze Schweigen. Überrascht lausche ich ihr, hatte ich doch zumindest anderes erwartet. Normalerweise war es immer sie, die mich aus der tiefsten Scheiße rausziehen konnte. Immer war sie der Rettungsanker.

Aber was sollte sie auch schon sagen. Es ist doch mein Leben und es sind meine Probleme. Hier kann man nur schwer eine alles vereinende Hilfe erwarten. „Ist schon gut.“, gebe ich ihr zur Antwort, mit leiser Stimme. Jaja. Es ist schon gut. So wie alles gut ist. Man kann in allem nur das Gute sehen, wenn man nur will. Selbst dieser Tag könnte seine Großartigkeit nur kunstvoll verbergen. Wenn man ihn denn so sehen will. Für mich war er ein weiterer Tag auf dem Weg des vollkommenen Bruches mit mir selbst.

Wie oft schon habe ich mich selbst verraten, wie oft habe ich Worte gesagt, die ich nie so meinte. Wie oft habe ich mir eingeredet, mich wohl zu fühlen, selbst wenn mir nach Heulen zumute war. Ich hasse es, den Selbstverrat Tag für Tag wieder neu an mir kennen zu lernen. Zuhause angekommen, verabschiede ich mich noch mit einer Umarmung und gehe ins Bett. Die Decke bis zum Hals gezogen. Ich spüre kein Stückchen Müdigkeit in mir, liege hellwach da und versuche, auf einen grünen Zweig zu kommen. Mit mir selbst und der Realität.

Monatelang hegte ich Liebe, wochenlang wünschte ich Freundschaft und tagelang wollte ich nichts von ihr hören. Ich träumte davon, wie es sein würde, wenn sich zwischen uns wieder etwas entwickeln würde, träumte ebenso, wie es wäre, wenn wir uns endlich Freunde nennen könnten. Sie bestimmte so lange Zeit mein Leben, ich ließ mich beinahe an ihr zerbrechen. War es das wert? Ich weiß es nicht. Aber warum dieser Tag. Warum habe ich mich nach Monaten der Funkstille bei ihr gemeldet, warum war sie so beschissen freundlich, warum diese Begegnung, warum dieser Tag. Und warum meine Flucht. War es vielleicht deswegen, weil ich Angst davor hatte, mich wieder zu verlieben. War es das? Die Angst vor der Liebe? Der einseitigen Liebe wohlgemerkt? Das kann es sein. Es klingt zumindest mehr als plausibel.

Ich muss loslassen. Die Liebe ist wie der Tod. Nach der Trauer muss endlich der Prozess der Aufarbeitung beginnen. Des Abschließens, des Akzeptierens. Doch niemand hat mir zu Beginn der Liebe gesagt, dass das Ende der Liebe so verdammt schwer zu akzeptieren ist. Niemand hat mich vor den Risiken und Nebenwirkungen einer Beziehung gewarnt, und wahrscheinlich hätte ich sie auch gar nicht hören wollen.

Nie wieder möchte ich sie sehen. Nie wieder etwas von ihr hören. Ihr manchmal über den Weg laufen, ein bisschen Smalltalk führen, dazu wäre ich bereit. Doch von Freundschaft und Liebe habe ich die Nase voll. Ich hasse Enttäuschungen und ich hasse Schmerz. Und all das durchlebte ich in den letzten zwei Jahren. Keinen Tag länger möchte ich daran verschwenden. Ich konnte mir nie ein Leben ohne ihr vorstellen, konnte nie einen solchen Gedanken formen. Und doch habe ich mit all dieser Vernarrtheit, mit der Hoffnung so vieles zerstört, so viele Möglichkeiten verbraucht, als das ich je von Freundschaft sprechen könnte. Unsere mögliche Freundschaft scheiterte an Liebe. Nur an Liebe. An diesem verdammten, verhassten Gefühlszustand namens Liebe.

Sollte das also der Schluss sein. Der letzte Strich unter einer unberechenbaren Rechnung. Kein Rest bleibt, kein lächerliches „Auf Wiedersehen.“, kein hartes „Leb‘ wohl.“. Nichts.

Und immer wieder frage ich mich: War es das wert? War die Liebe all diese Monate danach wert. Ich brauche nicht lange zu überlegen, schon erinnere ich mich zurück an die schönen Zeiten. An den glorreichen Beginn, dem unbeschreiblichen Höhepunkt und dem Untergang unserer Beziehung. Ja, es hat sich gelohnt, ja, all das war es wert. Doch jetzt soll es endlich vorbei sein. Nein, es ist vorbei.

Ist das mein Leben, so wie ich es mir erschaffen habe? Wo der glanzvolle Ruhm, wo das Paradies. Und obwohl es nicht dem Leben meiner Vorstellungskraft entspricht, muss ich mich zufrieden geben, mit dem Resultat. Das ist es. Mein Leben. Erschaffen aus meinem Händen, mit der gesunden Prise Schicksal. Ich kann stolz drauf sein.

Irgendwann sollte ich dann schließlich doch einschlafen. Trotz allem. Nach diesem bemerkenswerten Tag. Und als ich mich endlich kurz vor meiner Tiefschlafphase befinde, weckt mich das Handy auf. Eine Kurznachricht, von ihr. So wie immer, viel zu spät und gerade in dem Moment, in welchem man sie am wenigsten vermutete. Wenige Worte hat sie mir geschrieben.

„Es wäre wohl besser, wenn wir uns nicht mehr sehen würden.“

Oh, wie recht du hast, meine Liebe, wie recht. Und mit einem Lächeln finde ich endlich wieder zurück in meinen Schlaf. Was für ein Tag, liebe Leute, was für ein Tag.

Teil 3 der dreiteiligen Eintragsserie Is this the world we created.

Foto: notsogoodphotography (flickr)

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