The world.

Als in mir etwas sterben musste, wurde mir zum ersten Mal klar: Die Welt ist aus den Fugen geraten. Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Und dieser Gedanke erfüllt mich mit Unbehagen.

Der Heimweg zog sich beunruhigend in die Länge. An mehreren Plätzen der Stadt hielt ich, stellte mein Auto ab, und begann eine Zigarette zu rauchen und über das Geschehene nachzudenken. Ich war zerissen. Einerseits wäre ich am Höhepunkt meiner Träume, am Gipfel meiner Erwartungen angekommen und doch zieht mich alles nur weg von hier. Ich möchte stundenlang mit dem Auto fahren, möcht neue Straßen, neue Orte und neue Menschen kennenlernen. Möchte in kleine, einsame Kirchen gehen und stundenlang in einer der letzten Reihen sitzen, der Stille und dem Kerzenschein rund um den christlichen Götzen Gesellschaft leisten. Keine Zigarette rauche ich zu Ende, steige jedes Mal fluchtartig ein und fahre weiter.

Es fühlt sich so an, als wären Stunden vergangen, seit ich aus dem Paradies Reißaus genommen habe. Ich versuche mich zu spüren, versuche zu verstehen. Und spüre seit langem wieder einmal dieses Unbehagen. Es ist wieder schmerzhaft, wenn ich versuche, mich selbst zu fühlen. Ohne meinen Eltern meine Rückkehr anzukünden, verschwinde ich in mein Zimmer. Das kaputte Schloss wird durch die vor die Tür geschobene Couch ersetzt. Die Vorhänge schaffen eine unwirkliche Dunkelheit in meinem Zimmer und mein einziger Weg führt mich zu meinem Bett.

Ich werfe meinen Kopf in den Polster, mein Körper landet daneben. Es ist diese Ungewissheit, die mich zu erdrücken droht. Das Unverständnis gegenüber mir selbst. Was musste denn in mir sterben? Waren es meine Träume, meine allergrößten Hoffnungen. Oder war es, und das erweckte in mir die größte Angst, einfach nur die Realität, der ich zu entfliehen immer versuchte, aber ohne welcher zu leben nur schwer möglich war. Last.fm spielt für mich noch einmal den Soundtrack von Garden State. Es ist eine windige Straße, ich weiß.

Hoffend auf passende Worte lege ich einen Block und einen Kugelschreiber neben mich ins Bett. Ich sollte schreiben, meine Gedanken aufschreiben und meinen Gefühlen Flügel verleihen. Doch der Stift ruht und jeden Moment möchte ich zu meinem Handy greifen. Wie viele Male während der Fahrt hatte ich es schon in der Hand und wie viele unzählige Male habe ich dabei ihre Nummer gewählt. Habe aber jedes Mal noch vor dem ersten Läuten einen Rückzieher gemacht. Auch jetzt suchte ich wieder den Kontakt zu ihr und beginne eine Kurznachricht zu schreiben. ‚Es tut mir Leid. Alles‘, sind meine ersten Worte, welche auch umgehend wieder gelöscht werden. ‚Was ist nur los mit dir?‘, möchte ich sie im zweiten Anlauf fragen und doch bleiben nur die Worte ‚Ich weiß nicht warum.‘ in meinem Telefon. Sie würde schon verstehen, denke ich mir und drücke mit zitternder Hand auf Senden.

Ich sagte meinem Gehirn, dass ich nicht auf eine Antwort von ihr wartete. Auf eine neue Nachricht oder gar auf einen Anruf. Doch mein Herz klopfte schnell wieder an, und zeigte mir, wie oft ich mir das schon gesagt hatte. Und schlussendlich hoffte ich doch jedes Mal, dass sie anrufen würde, dass sie sich melden, sie sich entschuldigen würde. Und es erinnerte mich daran, wie viele Male sie mich enttäuscht einschliefen ließ, das Handy nur wenige Zentimeter von meinem Kopf, neben meinem Polster liegend. Ist es das, was mich zurückschrecken ließ, sind es all die unerfüllten Momente meiner Fantasie, die es mir nicht ermöglichten, mich in ihren Armen, in den Armen dieses wundervollen Menschen, wohlzufühlen. Ich weiß es nicht. Und ein für mich zermürbendes Gefühl überkommt mich: Ratlosigkeit.

Spontan nehme ich mein Fahrrad und weiß das genaue Ziel. Es ist ein See, an dem ich schon jahrelang nicht mehr war. Der Größte in der Umgebung [in Wahrheit ist er der größte See Österreichs]. Den Weg weiß ich nur ungefähr und eine solche Strecke bin ich schon lange nicht mehr mit dem Rad gefahren. Fahre die Hauptstraße entlang, biege unaufhaltsam auf die Bundesstraße und folge meiner Erinnerung. Hier war ich schon einmal. Die Straße ist mir nur allzu bekannt. Ich spüre das typische Stechen im Herz, aber ich denke nicht daran, abzusetzen, bevor ich dieses Ziel erreicht hatte. Und irgendwann, hinter all dem Labyrinth aus Straßenkreuzungen und Kreisverkehren sehe ich die Umrisse des Sees.

Türkis senkt sich das Wasser bis zum Grund, selbst jetzt. Ich habe die richtige Entscheidung gewählt und irgendwie, zwischen all den Badeplätzen, und den verlassenen Schwimmbädern finde ich einen einsamen, kleinen Platz für mich. Es ist schon Nacht und während der Fahrt nahm immer mehr die Dunkelheit Überhand über den Tag. Langsam lege ich meine Kleidung ab und tapse unbeholfen in das Wasser. Es ist wärmer, als ich erwartet hatte und ich beginne seit langem wieder einmal Eins mit dem Wasser zu werden. Beginne zu tauchen und schwimme minutenlang durch dieses schützende Element. Alle meine Gedanken scheinen verloren, und irgendwann steige ich wieder aus dem Wasser.

Schnell ist das Wasser von meinem Körper verschwunden und ich kehre zurück in meine Tageskleidung. Der zunehmende Mond hinterlässt einen kleinen weißen Schimmer am See. Die Nacht, so ruhig, so selig. Das ist die Welt, wie ich sie mir vorgestellt habe. So still, so ruhig. So unscheinbar und so grenzenlos. So einmalig grenzenlos und so grenzenlos einsam. Ich bin alleine hier, und ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Würde ich sie etwa jetzt wieder sehen wollen. Wäre sie nun der funkelnde Stern dieser Nacht. Oder aber. Würde sie mich doch wieder nur enttäuschen. Und ich beginne, mich an die letzten zwei Jahre zu erinnern. Diese Jahre, die zu den dunkelsten, traurigsten siebenhundert Tagen meines Lebens zählen. Alles was in dieser Zeit Gutes geschehen war, wurde überschattet von jenen Rückschlägen, die mich wahrscheinlich erst zu dem machten, was ich heute bin. Und ungefähr die Hälfte der Zeit war sie nicht für mich da. War sie nicht an meiner Seite, nicht die helfende Schulter. Unter Tränen suche ich mein Handy in meiner Tasche und wähle instinktiv eine Nummer. „Hallo? Hey? Ich bins. Ka-…kannst du mich bitte abholen, ich … ich bin an See.“

Teil 2 der dreiteiligen Eintragsserie Is this the world we created.

Foto: kevindooley (flickr)

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