Surrounded.

Als die Musik aus den Boxen stoßt, nehme ich meinen Drink und verziehe mich in eine dunkle Ecke. Meine Ecke.

Es wäre ja nicht so, als hätte ich gute Musik in diesem Lokal erwartet. Ich hatte mich zuvor schon seelisch auf diese Beschallung eingestellt. Was mir an dem ganzen Ambiente nicht gefiel, waren vielmehr die Menschen, die wie auf Drogen ihre Körper, versucht, den Takt des Liedes zu finden, herumschüttelten. Sich aneinander warfen und irgendjemand irgendwann und irgendwie seinen Drink über jemand anderen ausschüttet. Hier bin ich sicher.

„Gefällt es dir nicht?“, fragt sie mich. „Doch, doch.“, antworte ich ihr, aber scheinbar nur sehr wenig überzeugend. „Komm, trink‘ aus.“, fordert sie mich auf. Sie bewegt sich einige Schritte von mir weg, und zeigt mir mit ihren Händen, dass ich ihr folgen solle. Wenige Sekunden dauerte es nur, bis das Glas leer war und beiseite gestellt wurde. Sie fasste meine entgegengestreckte Hand und zog mich raus aus dieser Bar. Nicht weit gingen wir. Nur bis zu der ersten Parkbank. Wir setzten uns, den Blick auf den See nahm ich nur aus dem Augenwinkel wahr.

„Was ist los mit dir?“ – „Nichts. Es ist doch nichts. Aber ich weiß nicht.“ Du lächelst. Diese Worte scheinen oft meinen Mund zu verlassen. Vor allem die letzten Vier. „Ich halte es einfach nicht lange unter einer so großen Menschenansammlung aus. Wo ich siebzig Prozent nicht kenne, weil ich mich in diesem Lokal schon so lange nicht mehr habe blicken lassen. Und mit den restlichen neunundzwanzig Prozent kann ich ebenso nichts anfangen. Finde es lächerlich, wie sich alle aufführen, im Schwall des Alkohols. Ich bin nicht der Typ für sowas.“ Du nickst. Glaubst, schon zu wissen, was mit mir los ist. Weil eben dieser eine Schicksalsschlag erst so wenige Zeit zurückliegt. „Aber nein. Es ist nicht deswegen.“, versuche ich ihre Gedanken zu lesen, „Ich war schon immer so.“

„Sollen wir gehen?“ Jetzt kam sie also wieder, die Frage, der ich immer auszuweichen versuche. Weil nicht wegen mir alles anders sein muss. „Nein. Schon okay. Ich bleib nur eben nicht mehr wirklich lange. Nehme mir dann ein Taxi.“ Sie lächelt. Schon wieder. Fast schon könnte man es als Boshaftigkeit abtun. Aber ich kenne sie. Und immer habe ich die Angst, sie zu sehr zu kennen. Plötzlich Gefühle zu empfinden, die über unsere Freundschaft hinausgehen. Diese Gefühle haben schon viel zu viel zerstört. „Und warum bleiben wir nicht noch etwas hier draußen. Setzen uns hin und blicken auf unseren See. Reden und lassen sein?“ Der Vorschlag gefiel mir, noch dazu, da es sich um eine relativ warme Frühlingsnacht handelt.

„Weißt du noch, als wir uns zum ersten Mal sahen?“ Ja, natürlich. Ich nicke. Immer und immer wieder habe ich diese verschwommen und zu meinem Gunsten abgeänderten Bilder vor meinen Augen. Während mein Kopf unter Zwang meines Herzens den Gedanken an uns viel zu viel Platz einräumt, stellt sich meine Vernunft dem Ganzen entgegen. „Es war schön.“ – „War?“ Überrascht blickt sie mich an. Ich kann es ihr jetzt nicht erklären. Aber sie hat schon richtig gehört. Die Nacht wurde dunkler und die Sterne heller. Der See ruhiger und das Lokal leerer. Als würde für uns keine Zeitrechnung existieren blieben wir sitzen. Bis der junge, frische Morgen anbrach und es Zeit war. Wie viele Stunden haben wir da nun damit verbracht, miteinander zu reden? Ich habe sie nicht gezählt.

„Tut mir Leid. Ich muss jetzt.“, sagt sie. „Schon gut. Vielen Dank.“, werfe ich eine Antwort hin. Kurz blicke ich sie an, bevor der Blick zurück zum See schweift. Ein langer und gefühlvoller Kuss auf die Wange folgte. Ich drehe mich nicht zu ihr um. Behalte den See im Blickwinkel. „Ciao.“, sage ich nur kurz. Meine Gefühle und meine Gedanken. Auf dem stillen See ausgebreitet. Sie sollen untergehen. Sie bringen doch nur Probleme.

3 Gedanken zu „Surrounded.“

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