Read My Mind.

Du liest dieses Buch. Als du aufblickst, ist die Welt ganz anders, als du sie in Erinnerung hattest. 

‚Nothing’s going right today, cos‘ nothing ever does.‘ Richard Ashcrofts Worte rotieren schon die ganze Zeit in deinem Kopf. Langsam lehnst du deinen Kopf gegen das kalte Fenster des Zuges. Blickst auf die eisigen Schneeflächen, du durch das schräg einfallende Licht durch die Dunkelheit leuchtet. Und wieder fällt dein Blick in dieses Buch. Du hasst es, wenn Bücher Abnützungserscheinungen zeigen, und doch machst du immer ein Eselsohr auf die zuletzt gelesene Seite.

Mehr und mehr Leute steigen hinzu. Und doch ist der zug viel leerer als er es normalerweise ist. Die ganze Welt hat frei, denkst du dir. Wie lange fährt er wohl dieses Mal. Und wohin fährst du eigentlich. Diese Gedanken sind dir egal, viel zu vertieft bist du in dieses Buch. Als der Schaffner dich nach deiner Zugfahrkarte fragt, hältst du ihm dein Lesezeichen hin. Er sieht es an, erfährt wohin du fährst, stempelt es und geht weiter. Keine schlechte Idee, denkst du. Eine Zugfahrkarte als Lesezeichen.

Du folgst den Geschichten durch den kalten Schnee. Als sie zu laufen beginnen. Als die Küsse folgen. Und am Dachboden gekramt wird. Als man schmerzvoll erlebt, wie sich Liebe anfühlt und man folgt. Ohne nachzudenken. Kann das Buch nicht mehr weglegen und verliert sich selbst auf den Weg zum Ende.  Der Zug hält. Am bekannten Bahnhof, du packst dein Buch in deine Tasche, wickelst dir den Schal um deinen Hals und steigst aus. Begibst dich zu dem Ort, der dir vorbestimmt ist. Und er-, ver-, belebst deinen Tag.

Die Geschichte und die Personen. Du bekommst sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wanderst in achtzig Tagen um die Welt. Suchst Elementarteilchen oder hilfst bei der Ausweitung der Kampfzone. Siehst diesen Dorian mit schrecklich verzerrtem Blick am Boden. Erlebst die Wandlung zwischen Jekyll und Hyde. Formst den Mord an den Clutters nach. Lebst brutal mit Alex De Large. Bis du wieder in den Zug einsteigst.

Und irgendwann befindest du dich in der Mitte der Welt. Dorthin fährt auch der Zug, in dem du gerade sitzt. Es lässt alles vergessen und die Worte Richard Ashcrofts verlieren an Bedeutung. Bücher haben die Macht, welche sonst nur Musik und außergewöhnliche Filme haben. Sie sind Teil des Lebens. Wenn man es denn zulässt.

Wollte nur mal zeigen, dass Lesen vielleicht „retro“ ist. Aber ich liebe es.

Ein Gedanke zu „Read My Mind.“

  1. Lesen ist doch nicht retro, oder hab ich da was verpasst? Dein Text erinnert mich aber an meine alltäglichen U-Bahnfahrten, was wären die nur ohne Lektüre? richtig, einfach total langweilig.

    Liebe Grüße

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