Eisige Gedanken.

Im Strom der Zeit. Gefroren dein Gesicht. Verstört dein Blick.

Dein Atem kommt nur sehr langsam aus deinen Nasenflügeln gekrochen. Du frierst. Die kleinen Härchen auf deinen Händen sind ummantelt von riesig großen Schneeflocken, die an deiner restlichen Körperwärme zu schmelzen scheinen. Du suchst dir einen Unterstand. Eine überdachte Bushaltestelle. An diesem von Wind geschütztem Platz fühlst du dich seit langem wieder einmal wohl. Es ist zwar noch immer so unerbitterlich kalt, doch mit deinen zur Brust herangezogenen Beinen speicherst du all die Wärme nur für dich.

Plötzlich hat dich jemand gesehen. Der Bus bremst. Und hält an deiner Bushaltestelle. Du fühlst dich peinlich berührt, stehst auf, kramst nach Kleingeld und steigst ein. Der Buschauffeur verlangt erst gar nichts und so fährst du los. Du bist fast alleine in diesem riesigen Gefährt. Nur der Busfahrer, eine alte Dame und du. Die von der kaputten Heizung stinkende Luft atmest du ein. Wärmst dich langsam auf, mit deinem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt. Die alte Dame stinkt nach alt. Alte Menschen stinken, denkst du dir. Sie haben ihren ganz eigenen Geruch. Jedes Mal, wenn du das Zimmer oder das Haus einer alten Frau oder eines alten Mannes betrittst, kommt dir der gleiche Gedanke. Vielleicht riecht die Haut so, wenn sie langsam alt wird und beinahe zu schimmeln anfängt.

Du lachst. Erst jetzt fällt dir auf, dass du keine Ahnung hast, wohin diese Fahrt geht. Es müsste die letzte Fahrt sein. Kein Weg zurück. Wo du jetzt aussteigst, da musst du bleiben. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Zumindest bis zur ersten Busfahrt. Aber um das Ziel zu erfahren, müsstest du wieder den ganzen Bus durchschreiten, sitzt doch du hinten, und diese Fahrer ganz vorne. Du bleibst sitzen. Du wirst doch wohl noch diese Gegend kennen, denkst du dir. Doch es ist dunkel. Du hast keine Ahnung wo du bist. Nur erahnen kannst du es, durch den Blick auf den leuchtenden Horizont, auf die Skyline der nahegelegenen Stadt.

„Endstation.“

Emotional unberührt stehst du auf, steigst aus dem Bus aus. Als du die noch einmal umdrehen möchtest, um ihn zu fragen, wo denn das nun genau ist, hatte er schon wieder die Türe geschlossen und ist zu all den anderen Bussen in die Garage gefahren. Die alte Dame ist übrigens auch schon zwei oder drei Stationen vorher ausgestiegen. Sie war weg, aber den Geruch hast du immer noch in deiner Nase.

Langsam irrst du herum. Die Kälte hat dich wieder. Dein Körper beginnt wieder zu erzittern. Deine Zähne schlagen wie der Hammer auf die Nägel aufeinander ein. Und du hast keinen blassen Schimmer wo du bist. Nirgendswo brennt mehr Licht. Nur das blaugetränkte Licht der Fernseher stößt durch die Fenster an die Außenwelt. Du machst dich zu verschiedenen Türen auf, läutest Klingeln von unbekannten Menschen. Die Meisten machen sich erst gar keine Mühe, in ihrer Wohnung auf einen Knopf zu drücken. Und die Anderen wimmeln dich mit den Worten: „Keine Zeit“ wieder ab.

„Keine Zeit.“

Immer und immer wieder hörst du diese Sätze. Du hast nichts dabei. Kein Geld, kein Mobiltelefon, kein Nichts. Und so setzt du dich wieder in diese überdachte Bushaltestelle, bei der du gerade erst ausgestiegen bist. Ziehst die Beine bis zur Brust hoch. Und irgendwann packt dich der Schlaf. Doch diese Grade unter Null, du weißt, dass sie gefährlich sind. Du darfst jetzt nicht einschlafen, denkst du dir. Jetzt nicht. Nicht für diese Nacht. Und unter dem Bellen der Hunde, dem Wandern der Ratten von einem Kanaldeckel zum nächsten, wachst du die ganze Nacht in diesem überdachten Zuhause.

Am nächsten Morgen ist wohl auch noch die letzte Zelle von Kälte ummantelt. Dein Blick wirkt verstört, all die Angst, die Kälte und die Furcht hat dich wachgehalten. Mit der Zeit kommen die Menschen aus ihren Häusern, machen sich auf den Weg in die Arbeit, zu ihren Autos oder sie bringen ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule. All diese Menschen gehen an dir vorbei und schütteln den Kopf. Schütteln den Kopf und wissen dabei nicht einmal, dass sie es waren, die gestern ‚Keine Zeit‘ hatten.

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