
Im Mai beginnt der Anfang vom Ende unserer Freundschaft …
TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de
Neun Jahre gehe ich schon zu dir. Jeden Tag öffnest du mir die Tür. Gewährst mir Eintritt in die heiligen Hallen des Wissens. Seit 9 Jahren, obwohl es ja eigentlich nur acht Klassen gibt. Ja, du hast mich wiederholen lassen. Eine Ehrenrunde in der dritten. Ja, die achte Klasse, die 12. Schulstufe. Das Ende einer Ära.
Und mir fällt es auf … dass du mir von Jahr zu Jahr immer größere Steine in den Weg gelegt hast. In der siebten Klasse wieder ein ganz großer Brocken. Nachprüfung nanntest du es. Ich habe sie geschafft. Zwar ganz knapp, aber besser eine -4 als eine weitere Runde in der Schule. Die ich sowieso nicht gemacht hätte.
Jetzt denke ich oft an dich. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich dich nicht mehr sehen muss. Nicht jeden Tag. Immer und immer wieder. Dass ich nie mehr wieder gezwungenermaßen in dein Antlitz sehen muss. Dass du mich nie mehr unter Druck setzt.
Am 7. Mai beginnen die schriftlichen Prüfungen. Englisch, Deutsch und Mathe habe ich gewählt. Nein, halt … Mathe ist Pflicht. Und gerade vor dem habe ich Angst. Denn Mathe war noch nie meine Stärke. Es wird es wohl auch nie werden. Aber sollte Mathe denn wirklich Schuld daran sein, dass ich dich im Herbst wiedersehe?
Ende Juni fangen wir dann mit den mündlichen Prüfungen an. Englisch, mit Spezialgebiet Oscar Wilde; Deutsch, mit Spezialgebiet Franz Kafka; Philosophie, mit Spezialgebiet Jean-Paul Sartre und Musik, mit Spezialgebiet Claude Debussy. Vor diesen Prüfungen habe ich keine Angst. Auf diese Prüfungen freue ich mich. Ich kann gut frei sprechen, interessiere mich für diese Dinge … das dürfte eigentlich kein Problem werden …
Ich will dich nie mehr sehen. Ich sehne mich in den Monat Juli, wo ich auf Maturareise bin, wo ich all die Qualen, die du mir während dieser 9 Jahre bereitet hast, unter den Tisch trinken werde. Zurzeit hasse ich dich sogar. Aber ich kann dir nie lange böse sein. Denn bin ich das, vernachlässige ich dich, so geht es mit mir bergab.
Es war ja eigentlich doch eine schöne Zeit. Mit dir. Du gabst mir Wärme, du gabst mir Zukunft. Du bereitetste meinen Weg. Du gabst mir Visionen. Du gabst mir Hoffnung. Du ließest mich strahlen, wenn ich wirklich etwas Gutes geleistet hatte. Du warst immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Ich konnte eigentlich gar nicht anders, als zu dir eine Art Beziehung aufzubauen. Eine Art Hassliebe.
Und deswegen … danke, liebe Schule.
Schreibe einen Kommentar