
Und während der Zug weiter über die Schienen trottet, wache ich von der Vibrations des Fensters auf. Ich weiß nicht wo ich bin. Im Zug einzuschlafen ist einerseits über weite Strecken wirklich nicht bequem und außerdem nimmt es einem vollkommen das Zeit- und vor allem das Ortsgefühl. Die Außenwelt zeigt nichts, selten ein paar verstreute Häuser, viele Felder und ein aussagelose Waagerechte. Das muss Niederösterreich sein.
Die Nacht ist noch nicht viele Stunden her. Und wenig Schlaf bot sie mir außerdem. Ich will hier jetzt nicht sein, fühle mich fehl am Platz und bewundere mit abstoßendem Interesse die Aufgewecktheit so mancher Kinder, die schon so früh in diesen Zug verschleppt wurden. Alles in allem ist mein Waggon aber überraschend leer, eine verwirrte alte Dame zwei Sitzreihen weiter, ein paar junge Familien mit offensichtlichem Ziel ein paar Reihen hinter mir. Ich bleibe planlos.
Ich musste das tun, musste weg von da, weiß nicht wirklich wohin. Es wird die Endstation werden und ich lehne ein weiteres Mal meinen Kopf gegen das überdimensionierte Zugfenster. Ein paar Minütchen Schlaf würden mir zwar nicht helfen, mich aber vielleicht im Laufe des Tages im Glauben lassen, ich könnte nun munter sein.
Und dabei hatte alles so wunderbar ausgesehen. Ich hatte keine Angst, war kein bisschen nervös. Ich fühlte mich wohl und freute mich auf dich. Habe die Stunden gezählt, und kam gar nicht mehr zu den Minuten. Habe ständig auf mein Handy gesehen, wollte eine SMS schreiben und habe es dann doch gelassen. Wo geht es jetzt hin? Ich habe nichts dabei, außer meine kleine Tasche und etwas Kleingeld. Die Welt wird sich von mir abwenden.
Du hättest kommen sollen, wir hätten uns gesehen, ich hätte dich umarmt und du hättest es erwidert. Wir wären unterm Sternenhimmel gelegen, in der eben getrockneten Wiese, wären spazieren gegangen und hätten minutenlang gemeinsam geschwiegen. Doch während all des Wartens plötzlich dieses Gefühl. Als würde etwas fehlen, als wäre hier irgendetwas vollkommen falsch gelaufen. Und meine hektischer werdenden Bewegungen und meine miese Intuition. Die dieses eine verdammte Mal recht behalten sollte.
Wir hatten Pläne, setzten Ziele, erschufen Träume. Und jetzt will ich weg hier, kann nicht bleiben, wo ich war. Du hättest nicht auf dieser Straße fahren sollen und du hättest diesem anderen Fahrzeug nicht begegnen sollen. Du hättest zuhause bleiben sollen und wir hätten telefoniert und wir hätten geflirtet. Hätten die Stunden damit verbracht, über unser Leben zu reden. Hätten Geheimnisse ausgetauscht und mit unseren Gedanken gespielt. Der Zug bremst. Ein Halt im Nirgendwo. Ich steige aus.
Du hättest gestern Nacht nicht sterben dürfen.
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