Todo Cambia.

Ein Abend.

„Das sind nicht meine.“

Ich schnappe sie mir und lasse sie in einer meiner Hosentaschen verschwinden. Man will sie ja niemandem aufzwingen, denke ich mir. Sie lächelt mir zu und mit dem zweiten Blick habe ich sie auch schon wieder aus den Augen verloren. Als wäre sie auf Klabautergröße geschrumpft, und ich ein Troll. Zwar mächtig groß, aber verhältnismäßig ebenso dumm. Oder blind, je nachdem, wie man es sehen will.

Mit einem leichten Husten setze ich meinen Gang fort, in der einen Hand das Glas, in der anderen eine Zigarette. „Du solltest nicht rauchen, wenn du schon erkältet bist.“ Ja, Mama. Jetzt hast du wohl erreicht, was du immer erreichen wolltest. Deine besserwisserische Stimme klingt in meinem Kopf selbst Stunden nachher noch nach. Du Virus in meinem Kopf, du Stimme, die, obwohl ich dich in manchen Situationen wirklich nicht ausstehen kann, immer Recht hast. Und du weißt doch. Empfiehlst du mir irgendetwas, entscheide ich mich fürs Gegenteil. Hey, nichts Persönliches, das habe ich mir nur irgendwann einmal angeeignet. Mit der Zigarette und dem Glas in der Hand mache ich mich also auf den Weg und sehe Freunde und Leute, die ich heute zum ersten Mal hier gesehen habe.

„Hey.“ Ich nicke dem Typen mir gegenüber zu. Eine gewisse Abneigung spüre ich schon jetzt, nach Sekunden eines vollkommenem Versuches ihn kennenzulernen. Er nickt zurück, bemerkt das Blitzen in meinen Augen und meint auch nur, ein wahrscheinlich unvorteilhaft ausgesprochenes „Hey.“ Die Intonation bei ihm war falsch. Dass man ein so kurzes Wort auch noch falsch betonen kann. Mensch Mensch Mensch. Naja, er ging zum Schluss des Wortes mit der Stimme weiter rauf. So als würde er fragen. Ich beachte ihn nicht weiter und ziehe an der Zigarette und spüre das Kratzen im Hals schon wieder. Schnell ein Schlückchen des Getränkes in meiner Hand und für einen kurzen Moment legt sich ein Schicht dieser Flüssigkeit auf die entzündeten Stellen.

Ich fühl‘ mich nicht wohl hier. For what? Warum bin ich dann überhaupt hier, mit meinen Freunden, dem Drink und der Zigarette. Unterwegs in diesem Niemandsland nutzloser Seelen. Das wusste ich doch schon vorher, dass das nicht mein Ding werden würde. Es überrascht mich selbst, dass ich nicht auf diesem großen Fest bin. Dort, wo auch sie ist. Früher hätte ich nicht ruhen können, hätte ich sie an solchen Tagen nicht zumindest kurz gesehen. Jetzt ist es mir egal. Wir werden schon unsere Zeit haben, zum Reden und so. Solche Begegnungen, an unangebrachten Orten, bringen nichts.

Ich denke schon wieder viel zu viel nach. Hoffentlich hat das nicht irgendjemand gemerkt. Dass ich gedankenversunken beinahe die gesamte restliche Zigarette habe verglühen lassen. Ich trinke aus und verlasse den verhassten Ort. Ein kurzes, richtig betontes „Hey“ oder ein „Tschö“, je nachdem, ich weiß es selbst nicht mehr, verabschiedet mich. Nur wenige Meter entfernt, setze ich mich auf ein Bänkchen. Mit Blick auf den See und den Himmel. Mit Blick auf die Dunkelheit. Und während mich Gedanken immer weiter fesseln und auch Kälte irgendwoher antanzt. Irgendwann kommt mir der Gedanke.

Nada Cambia.

Und das Erschreckende daran. Ich kann noch nicht mal Spanisch. Und in der Dunkelheit packe ich die vorhein eingeschobenen Zigaretten aus meiner Hosentasche aus. Biete mir und den Menschen in meiner Umgebung eine an und bin dann wieder mal alleine. Ich flüstere mir langsam und immer wieder. Ihr müsst mich nicht verstehen ihr müsst mich nicht verstehen ihr müsst mich nicht verstehen. Eine Endlosschleife. Doch Alleinsein hilft manchmal. Und ändern wird sich doch nichts und alles und ich.

This Is Me.

Ich beneide jeden Menschen, der sich selbst in wenigen Worten erklären kann. Mir fällt es schwer.

„Das bin also ich.“ Ein klein bisschen verstört blicke ich in den Spiegel. Hm. Will ich das überhaupt. Dinge über mich herauszufinden, die nur ich wissen kann. „Das bin ich.“ Ich wiederhole den Satz und versuche weiter zu denken. Doch die Gedanken drängen sich nicht gerade vor. Ich überlege mir, was ich bin.

„Ein Mensch.“
„Etwas zu dick.“
„Gefühlsüberladen und schüchtern.“
„Bei weitem nicht vollkommen.“
„Anders.“
„So, wie alle anderen.“
„Manchmal nervig. Manchmal übertrieben.“

Nicht viel kommt dabei heraus. Dinge, die ich schon längst weiß. Die mich an mir stören und die einfach mir gehören. Die meine Einzigartigkeit ausmachen und mich doch zu einem unter mehr als 6,7 Milliarden Menschen. Das ist vielleicht gut. Der vollkommene Mittelpunkt möchte ich sowieso nicht sein. Aber da muss es doch mehr geben. Positives und Wichtiges.

„Ich habe Freunde.“
„Ich habe Familie.“
„Ich habe Talent.“
„Ich bin …“

Besitz? Wer rechnet schon mit Besitz. Man kann keine Familie besitzen und keine Freunde. Es muss schon einen Grund geben, warum ich von allen unterstützt werde. Warum ich immer darauf zählen kann, dass irgendjemand Zeit für mich hat. Ich kann sie jetzt nicht nennen, diese Gründe. Aber es gibt sie. Viel zu wunderbar sind all die Freundschaften und die Familienverkettungen.

„Ich bin glücklich.“

Das ist es. Ich habe einen Weg gefunden. Das sind sie. Die drei Wörter. Die mich beschreiben. Und selbst wenn ich es mal nicht bin, ist es das, wonach ich streben. Ich möchte glücklich sein, und möchte ebenso glücklich machen. Und das funktioniert nur wirklich, wenn man es selbst ist. Ich bin glücklich, mit all meinen Makeln, meinen riesigen Fehlern, die ebe die Meinen sind. Eigenheiten, die mich ausmachen. Ich bin glücklich. Auch ohne Sonne.

Anders.


Langsam den Entschluss in meinem Kopf entstehen lassen. Wenn alles in Liebe, Freundschaft und Traumwelt nicht richtig läuft, ist es vielleicht wichtig, sich mal auf eines zu konzentrieren. Alles andere rechts außen liegen lassen. Weil eine dreifache Anstrengung einfach zuviel ist. Da nimmt man sich einfach zurück und zieht das eine Ding durch. Mein Leben mal anders. Bis zu meinem 20. Geburtstag.

Man konnte es mitverfolgen. Meine Probleme in der Liebe. Gefühle und Gedanken und Verliebtheit und Hoffnung und Absturz und Fall. Der regelmäßige Ablauf. Vielleicht kommt der Blog viel zu schmalzig rüber und vielleicht spürt man es nicht. Aber es tut mir schon weh. Wenn mir Menschen das Gefühl geben, mich zu lieben, es aber schlussendlich doch nicht bereit sind. Wenn ich als alleine unter Paaren sitze, ja, das ist ein beschissenes Gefühl. Ich wünsche mir einen Menschen, der so wunderbar und so einzigartig ist. Ich weiß nicht, wann ich sie finden werde. Ich weiß es nicht. Aber zumindest interessiert mich das Suchen einfach nicht mehr. Zu weh tat das alles schon.

Kürzlich erst kamen zwei Probleme, die ich mit Freunden hatte, irgendwie hoch. Jaja. Ich erzähle immer von der Wichtigkeit einer Freundschaft. Meiner Freundschaften, meiner Freunde. Ich möchte, dass es ihnen gut geht. Doch durch Verquerelungen innerhalb unseres Freundeskreises fällt es manchmal schon schwer. Dass ich jetzt die ganze Sache so beschrieben habe, dass ich mich von zwei wichtigen Freunden zurückziehen werde, nur um nichts kaputt zu machen, ist der Höhepunkt. Der Höhepunkt der beschissenen Woche und überhaupt. Zurzeit fühlt sich alles falsch an, aber ja, ich bin egoistisch. Ich lasse mir zurzeit echt nichts gefallen, bin ein großer egoistischer Arsch und habe ein mulmiges Gefühl im Bauch. Vielleicht muss das einfach raus.

Und nun komme ich zum Dritten. Das Buch „Volle Distanz. Näher zu dir“ ist in Arbeit. Ich schreibe auf einem kleinen Block (DIN A6) nach und nach Absätze. Gut überlegt und wohl geformt. Doch ich komme kein kleines Stückchen weiter. Es dauert viel zu lange. Und so werde ich mich bis zum 6. Mai aus der Liebe und der Freundschaft zurückziehen. Einfach zurückstecken, nicht überall dabei sein, nicht alles gefallen lassen. Denn ich bin nämlich immer viel zu kompromissbereit. Ja, jetzt seht ihr ihn auch mal. Den Arsch vom Ikarus. Und ich habe keine Schuldgefühle. Warum immer ich. Warum muss ich immer aufpassen, dass Freundschaften gut laufen, dass die Beziehung nicht zerbricht. Ich könnte jetzt fluchen und mit Schimpfwörtern herumjonglieren. Es würde ja doch nichts helfen.

Ich werde mich zurückziehen. Werde an meinem Buchprojekt arbeiten. Werde wohl auf keine Party meines Freundeskreis gehen. Ich selbst werde natürlich schon eine veranstalten. Und werde auch alle einladen, selbst wenn jetzt Probleme da sind. Vielleicht legen sie sich. Aber bis dahin beschränke ich mich auf irgendwelche Kaffees. Mit einzelnen Personen oder zu dritt. Mal sehen. Oder Kino. Ich werde Zeit für mich haben. Für mich und nicht für euch. Ihr werdet mir manchmal fehlen und manchmal werde ich froh sein, euch nicht zu sehen. Denn so wie es jetzt ist, versaut ihr mir manchmal richtig den ganzen Tag. Und dazu habe ich keine Lust.

Und so wären das jetzt 43 Tage. Ich werde mich hier natürlich melden. Werde einige Kapitel fertigstellen. Und vielleicht gelange ich auch schon weit hinein in die Geschichte. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickelt. Es wird schon. Und zurückkehren möchte ich leicht anders. Ich, auf dem Weg zur Perfektion. Zu meinem auferlegten Möchtegern-Sein. Ich möchte mich wieder sportlich betätigen, vielleicht versuche ich auch mal wieder das meditieren, und ich möchte einfach ganz, ganz viel nachdenken. Aus den letzten 25 Tagen bis zum Ende meines Zivildientes das Beste daraus machen. Und schrieben. Endlos schreiben. Jede freie Sekunde werde ich schreiben, weil meine Kreativität scheinbar einen mächtigen Schub bekommen hat. Es müssen immer solche Momente sein, dass man sich zu so etwas beschließt, und dass die Kreativität anspringt, so wie sie es gerade bei mir getan hat.

Ich tauche unter. Bei manchen möchte ich das „Look What You’ve Done“- Gefühl hervorheben. Andere vermisse ich schon jetzt. So wird es sein. Ich habe Angst. Aber nun gibt es kein Zurück. Wohin sollte ich den gehen?

Edit:// Ich werde mich nicht zuhause einschließen. Werde nicht den Kontakt zur Außenwelt abbrechen. Nein. Ich werde auch weiterhin auf kleinen Zusammenkünften zu finden sein. Aber ich werde große Parties meiden, werde Menschenaufläufe, wie schon damals, wieder meiden. Aber das Buchprojekt soll trotzdem jetzt einen großen Fortschritt erleben.