Der alte Mann.

„Haben Sie sich jemals verirrt?“, fragte ihn der alte Mann. „Waren Sie schon jemals verloren?“


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Etwas benommen blickte er ihn an. Saßen sie doch schon den ganzen Abend lang alleine gemeinsam an dieser Bar, der alte Mann stundenlang mit leerem Blick in Richtung des Spiegels, der hinter der Bar angebracht war und er, der zu seinem nunmehr dritten Glas Whiskey erstmals die kostenlosen Erdnüsse zu kosten gedachte. „Entschuldigung, wie bitte?“ Des alten Mannes Frage war nicht vollkommen bis zu ihm durchgedrungen, oder möglicherweise war er auch einfach nur ratlos, welche Antwort man sich nun erwartete. „Ob Sie sich schon einmal verirrt haben, fragte ich.“, wiederholte der alte Mann, seinen Blick nicht von seinem Ebenbild abwendend.

„Nicht wirklich, nein.“, antwortete er endlich, doch in der Gewissheit, dass dem alten Mann diese Antwort nicht genügen würde, schob er „Verlaufen habe ich mich schon oft, aber verirrt? Nein. Bis heute noch nicht.“ nach. Das Gesicht aus dem Spiegel lässt jedoch nicht locker. „Sie sind also noch niemals falsch abgebogen, haben Pläne falsch gedeutet oder sind nicht den richtigen Menschen gefolgt?“ – „Doch, natürlich.“ – „Dann haben Sie wohl bisher nur noch nicht erkannt, worin Sie sich verrannt haben.“, beendete der alte Mann die Konversation, gerade als etwas Schwung hineinzukommen schien.

„Was meinen Sie damit?“ Das vierte Glas Whiskey wurde serviert und noch einmal nachgesetzt. „Was wollen Sie mir damit sagen?“ Und aus reiner Höflichkeit noch ein „Kann ich irgendetwas für Sie tun? Kann ich Ihnen helfen?“ Der Mann schwieg, so wie er es all die Stunden zuvor zu tun pflegte. Er blickte sich um: Hatte er es sich etwa nur eingebildet, dass der alte Mann mit ihm sprach? Doch da war niemand, der ihm bestätigen konnte, es ebenso gehört zu haben. Als er  sich wieder zur Bar wendet, bemerkt er, dass sein ungesprächiger Sitznachbar seinen Platz verlassen und mit langsamen Schritten vorhatte, aus dem Lokal zu verschwinden. „Warten Sie!“

Der alte Mann wurde nicht langsamer, doch er konnte ihn gleich einholen. „Ihr Hut.“ – „Vielen lieben Dank.“ Zum ersten Mal sah ihm der Mann ins Gesicht, setzte den Ansatz eines freundlichen Lächelns auf und mit einem „Auf Wiedersehen.“ versuchte er ein weiteres Mal zu verschwinden. „Was meinten Sie da vorhin?“ – „Junger Mann, ich gebe Ihnen nur einen Rat. Achten Sie auf sich. Achten Sie auf die Wege, die sie beschreiten. Zweifeln Sie und seien Sie mutig zugleich. Beschreiten Sie neue Wege, wenn an den alten schon zu viele gescheitert sind. Und erkennen Sie bitte, wenn Sie einmal falsch abgebogen sind. Denn irgendwann ist es zu spät, verstehen Sie?“ Als er ihm zu verstehen geben wollte, verstanden zu haben, war er auch schon nicht mehr an seiner Seite. Langsam schloss sich die Tür zu diesem Lokal und der alte Mann schlurfte dahin. Wohin auch immer er nun gehen würde.

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