Woanders.

„Werden wir uns wiedersehen?“

Emily steigt aus. Dieselbe Station wie damals vor einigen Tagen. Nur bin ich dieses Mal um einen Namen und Tausend Schmetterlinge in meinen Bauch reicher. Sie winkt noch. Als wäre es ein Abschied von vielen, ein Wiedersehen vorbestimmt. Ich winke zurück, lächle. Und als der Zug abfährt, lasse ich mich zufrieden in meinen Sitz sinken. Das Abteil ist leer. Zwei Minuten zuvor war es noch die ganze Welt. Unsere Welt.

„Klar werden wir das.“

Seit der Zug seine behördliche Streckensperre überwunden hat, seit wir uns in diesem einen Zwischendurchgang umarmt, seit wir hier in diesem Abteil den Abschluss unserer Zugreise gefunden haben, scheinen die Minuten verfolgen zu sein. Das passiert mir immer. Je besser ich mich fühle, je mehr ich diesen Moment einfangen möchte, um ja genug davon in mich aufsaugen zu können, desto schneller verfließt die Zeit. Ach, Zeit. Du ungerechtes Arschloch.

„Doch wo? Auf einen Kaffee? In Wien?“

Als wir unseren Platz gefunden haben, ein leeres Abteil mit dem üblichen Müll aus Gratisschundblättern und leicht alkoholischem Gestank, setze ich mich zum Fenster, Emily nimmt den Platz neben mir. Und meine Hand. Unsere Finger verketten sich. Ich blicke sie an und ein Lächeln stößt mir entgegen. Wir beide. Emily und Noah. Verrückter können Geschichten nicht passieren. Nicht mit mir als Protagonist.

„Du, Noah?“

Ihr Kopf liegt auf meiner Schulter. Ein weiteres Mal. So zierlich ihr Kopf auch sein mag, er scheint auf mir zu lasten. Als würde ich die Welt auf mir tragen. Ein gutes Gefühl wohlgemerkt, aber doch mit einer gehörigen Prise Verantwortung. Jene Verantwortung, die ich wohl in meinem bisherigen Leben nur ganz selten zu tragen gewillt war.

„Hm?“

Ich atme, ganz ruhig. „Weißt du. Es ist sonderbar. All das ist sonderbar.“ – „Ssshh. Noah. Vielleicht ist es sonderbar, aber fühlt es sich nicht gut an?“ – „Das tut es, ja.“ Mit ihr an meiner Seite kann es sich nur gut anfühlen.

„Vielleicht sollten wir uns nicht woanders treffen.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

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