[Coming of Age]

„Ich wünsche mir nichts mehr, als dass du endlich sterben würdest.“ Im selben Moment, wie ich diese Gedanken scheinbar laut gedacht habe, bemerke ich diese unpassende Wortwahl. „Sterben könntest‘ wäre besser, denn es ist wahrlich eine Kunst, mit Stil zu sterben. Ohne dabei nicht auch nur ansatzweise den Respekt vor dem Leben zu verlieren. Aber komm‘ schon, reden wir über etwas anderes …

I

Es sind Spaziergänge wie diese. Wenn die Wiese, durch die wir hier hindurchstapfen, uns immer weiter hineinsinken lässt und unsere Beine schon von oben bis unten voll sind mit Schlamm und Dreck.  Und es uns trotzdem scheißegal ist, solange wir einfach nur hier sind und uns hören und sehen und spüren können. Es sind Momente wie diese. In denen eine Auto diese Autorität der Nacht durchbricht und wir plötzlich wieder zurückgeholt werden. In die Realität, die ferner ihrer Selbst nicht sein könnte.

‚Take a deep breath“ und Wusch. Alles ist so wie es vorher war. Es hat sich rein gar nichts verändert, nur wir, wir beide, reden plötzlich miteinander. Als wäre gerade eben erst der Stummfilm abgeschafft worden. Ich liebe diese Gespräche und selbst wenn wir dann um 4 Uhr von so ’nem Spaziergang nach Hause kommen, liege ich oft noch lange im Bett und denke nach. Während du wahrscheinlich schon schläfst, tief und fest. Ich bin anders als du. Und vielleicht auch nur deshalb passen wir so perfekt zusammen. Wegen all der Unterschiede, die uns verbinden. Wegen der Stille des Einen, wenn der Andere etwas auf dem Herzen hat.

„Und was wäre, wenn du morgen sterben würdest? Was wäre dann mit mir? Wie würde es weitergehen?“
– „Ich weiß es nicht.“

Ich liebe deine Ehrlichkeit. Ich weiß es nämlich auch nicht. Denn auch wenn wir uns jetzt erst seit ein paar Jahren kennen, zählst du für mich zu den wichtigsten Menschen. Zu meinen Seelenverwandten, zu meinem Tagebuch, mit dem ich über alles Mögliche reden kann. Du würdest ein Loch hinterlassen und mich mit aller Gewalt nachzuziehen versuchen. Und ich weiß, am Liebsten würde ich das letzte Stückchen Seil, welches mich noch hier hält, loslassen. Aber irgendwann würde mich ja doch wieder der Alltag einholen.

Und während ich so hier sitze, und du neben mir, drehst du dich plötzlich zu mir um und schlingst deine Arme um mich. Ich zittere, es ist kalt und die Vorstellung gerade eben ließ mich weiter erschaudern. Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter und du flüsterst nur: „Ach! Mach‘ dir doch darüber keine Gedanken.“

Wenn es denn nur so einfach wäre.

II

Die Telefonate der letzten Tage waren immer wieder bedrückend. Ich, hundertfünfzig Kilometer weit weg von dir, die sich immer schwächer anhörte. Am Liebsten wäre ich zu dir nach Hause gefahren, hätte mit dir auf unserem Balkon eine Zigarette geraucht, hätte dir zugehört, mit dir geschwiegen. Aber ich konnte nicht. Diese verdammten Verpflichtungen, dieser verdammte Alltag, der es immer wieder wagt, die Oberhand zu gewinnen.

Und dann die Gelassenheit, die wieder in deine Stimme zurückkehrte, als du mich anriefst, um mir von ihrem Tod zu erzählen. Obwohl du gerade miterlebt hast, wie jemand gestorben ist, merkte ich, dass es dir jetzt einfach besser ging. Dass nicht nur von ihr, sondern auch von dir eine große Last abgefallen war.

Ich musste dich sofort umarmen, als ich dich endlich wiedersah. Ach, komm. Immer nimmst du dich um Menschen so unglaublich an, und bekommst so auch den größten Schmerz, das tiefste Leid ab. Willst du das so? Fühlst du dich gut in deiner Rolle? Ich persönlich würde es nicht aushalten, und war doch schon ein einziges Mal in dieser Situation, bin dabei über mich hinausgewachsen und wäre beinahe daran zerbrochen.

Ist es vielleicht das? Ist das die einzig wahre, die perfekte Beschreibung für dieses ominöse Wort „Familie“? Ein Wort, welches für mich bis vor wenigen Jahren kaum von Bedeutung war? Ist diese Art von Selbstlosigkeit und Selbstaufgabe genau das, worüber Familie eigentlich handelt?

III

Sprachen wir nicht schon mal über die Ewigkeit? Ich werde dich nicht für immer lieben. Du bist einfach nur da, und in genau diesem Moment, unter diesen Umständen, passt du so wunderbar rein in mein Leben, an meine Seite. Klingt das böse? Vielleicht. Für mich ist es lediglich ehrlich. Man kann die Liebe nicht auf ewig pachten. Irgendwann wird sie wahrscheinlich erlöschen und dann wirst du froh darüber sein, dass du es schon vorher gewusst hast. Dass es sie nicht gibt, diese Ewigkeit.

Aber jetzt, in genau diesem Moment, wo du deinen Kopf in meinen Schoß legst, und mich so eindringlich ansiehst. Wird mir klar, wie schnell man auf solch einen Gedanken kommen kann. Wie unscheinbar der Wunsch nach Ewigkeit entsteht.

„Ich liebe dich!“,  flüsterst du mir zu.
Ich lächle und streiche dir durchs Haar. Ich will nichts sagen. Natürlich liebe ich dich, so sehr, wie es meine Verfassung eben gerade zulässt. Ich liebe dich, aber ich brauche nicht diese Worte. Können wir es uns nicht ganz einfach so zeigen, mit Zärtlichkeiten, Berührungen? Ich beuge meinen Kopf zu dir runter, und gebe dir einen sanften Kuss auf deine Lippen. Unser Gesichter verharren so für einige Zeit.

Wenigstens glaube ich, dass du mich verstehst.

Liebe ist nicht einfach. Jeder der das Gegenteil davon behauptet, ist entweder ein Dummkopf, oder hat noch nie richtige Liebe für irgendjemanden empfunden. Und in beiden Fällen würde mir dieser Mensch außerordentlich Leid tun. Liebe muss weh tun. Das ist einfach so. Dafür wird man auch tagein tagaus mit wundervollen Momenten, außergewöhnlichen Begegnungen erfreut. So wie heute eben, wo du in meinem Schoß einfach einschläfst, während ich dir durch dein Haar streiche und sanft in den Sternenhimmel versinke.

IV

Manchmal habe ich einfach Angst. Ehrfürchtige Angst. Wovor? Vor dem Leben wahrscheinlich. Vor dem Alleinsein. Und manchmal auch einfach nur vor der Verantwortung. Und der Erwartung, die in meine Person gestellt wird. Was erwarten denn nur Menschen von mir? Dass ich über mich hinauswachse und Wege beschreite, vor denen ich Momente zuvor noch zurückgewichen wäre? Es ist wichtig über meinen eigenen Schatten zu springen, aber manchmal werde ich einfach geschubst, gestoßen. Ohne mich wehren zu können, befinde ich mich in einer komplett neuen Welt. Und beinahe teilnahmslos läuft die Angst gemächlich neben mir her, wenn ich mich auf meinen ersten Schritten in dieser neuen Umgebung vortaste.

Es wird dunkel sein, haben sie mir gesagt. Vollkommen dunkel, und selbst wenn du deine Hand vor deine Augen hältst, du wirst sie nicht sehen. Sie alle sollten Recht behalten. Es ist nicht schön hier. Nicht auf den ersten dunkelschwarzen Blick. Aber das ändert sich. Denn irgendwann sieht man ihn eben doch, den Sonnenaufgang. Und mit einem Mal scheint alles einen Sinn zu ergeben.

Natürlich bleibt die Angst, dicht auf den Fersen. Man könnte ja stolpern, könnte fallen. Könnte in dieser neuen Umgebung in vollstem Maße untergehen. Doch irgendwann ist man nur voll des Dankes, wenn man sich erst einmal zurecht gefunden hat. Man wird die Umrisse des Neuen erkennen und verstehen können.

V

Das ist es also. Die ganze Sache mit dem „Groß werden“. Vielleicht gehört all das dazu. Die Konfrontation mit dem Tod, das Erkennen echter, tief verbundener Freundschaft. Das Empfinden tiefer Gefühle, mit der Rationalität eines Unmenschen. Die Angst, die jeden Schritt in unbekanntes Terrain zu einer Herausforderung macht. Die Verpflichtungen.

All das Unbeschwerte, dass mich durch einen großen Teil meiner Kindheit begleitete, ist vorüber. Einfach hinweggeblasen. Durch dieses vollkommene Gefühl der Eigenverantwortung. Und während man als Kind beinahe selbstverständlich mit all dem egoistischen Unwissen hantiert, wird man plötzlich zu einem Menschen, den man zuvor nicht kannte. Zu einem sorgenden, mitfühlenden, empathischen Menschen.

Die größte Herausforderung ist das Zurechtfinden. In dieser vollkommen neuen Welt. Das Akzeptieren, dass man plötzlich für all seine Schritte verantwortlich ist. Dass der Tod eben doch zwangsläufig zum Leben, und der Gedanke daran zum Menschsein gehört. Dass nichts auf ewig ist, und schon gar nicht die Liebe. Dass nur die Schmetterlinge diese wundervolle Utopie für eine gewisse Zeit aufrecht erhalten.

Und der heftigste Part des Erwachsenwerdens ist der Schmerz. Der plötzlich allgegenwärtig und unzerstörbar ist. Der Schmerz der Einsamkeit und der Schmerz des Abschiednehmens. Der Schmerz, den man für einen anderen Menschen mitzutragen versucht und der Schmerz der Hilflosigkeit.

All das gehört dazu. Und obwohl es manchmal eine lange Zeit in Anspruch nimmt, und man oft genug daran zu zerbrechen droht, ist man schlussendlich doch heilfroh, angekommen zu sein. In eben dieser neuen Welt, mit eben diesen neuen Herausforderungen. Und selbst wenn man sich nicht gleich wohl fühlt hier.

Das ist hier einfach so. Das passt schon.

photocredits: ok23 | flickr (creative commons)

Über die Entstehungsgeschichte des Textes
Seit heute Morgen auch auf jetzt.de und Ci-Jou.de und in Kürze auch (wieder einmal) als Podcast zum Download.

2 thoughts on “[Coming of Age]”

  1. der übergang zum erwachsen werden, ist wie eine geburt. unglaublich schmerzhaft und anstrengend, man wird in sich zusammen gequetscht, muss die dunkelsten, längsten und engsten wege durchgehen und glaubt stecken zu bleiben. und irgendwann… dann is man da… in einer welt voller verantwortung und selbstbestimmung.

    hast du wirklich toll gemacht. genauso fühlt es sich an. genau so ist es. und nicht anders… bis auf die sache mit der liebe… liebe ist einfach… miteinander zu lieben und eine beziehung zu führen verkompliziert das alles. aber die liebe an sich ist so einfach, rein und bodenständig wie nichts sonst.

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